Ein Eid für Banker

Banker sind in ihrem Beruf auf das Vertrauen der Kunden und der Öffentlichkeit angewiesen, genauso wie die Ärzte. Während letztere in Umfragen über Vertrauenswürdigkeit stets gut abschneiden, finden sich die Finanzberater am unteren Ende der Rangliste, gerade noch vor den Politikern. So geht es nicht. Denn alle klassischen Bankgeschäfte sind mit Kredit verbunden, und Kredit […]

Banker sind in ihrem Beruf auf das Vertrauen der Kunden und der Öffentlichkeit angewiesen, genauso wie die Ärzte. Während letztere in Umfragen über Vertrauenswürdigkeit stets gut abschneiden, finden sich die Finanzberater am unteren Ende der Rangliste, gerade noch vor den Politikern. So geht es nicht. Denn alle klassischen Bankgeschäfte sind mit Kredit verbunden, und Kredit heisst Vertrauen.

Natürlich kennen die Banken tausendundeinen Code of Conduct. Feierlich ist da jeweils von der Reputation als wichtigstem Gut die Rede und davon, dass unethisches Handeln geahndet werde. Das sind viele schöne Worte und wenig Wirkung. Die beste Lösung des Vertrauensproblems finden die Banker bei den Ärzten. Seit über 2000 Jahren schwört der Arzt auf Gott Apollo den Eid des Hippokrates. Dabei geht es nicht bloss um eine ethische Ausübung des eigenen Berufs, sondern auch um den Schutz des eigenen Standes und die ökonomische Absicherung des Arztberufs.

Der Schlüssel zum Vertrauen liegt beim einzelnen Menschen. Jeder Banker soll es dem Arzt gleichtun und einen Eid schwören. Wer das nicht will, wird eben nicht Banker. Der Banker würde im Gegensatz zum Arzt nicht Apollo anrufen, sondern Hermes, den Schutzgott der Kaufleute. Dabei hält er sich stets vor Augen: Hermes ist auch der Gott der Diebe, und er führt die Seelen der Verstorbenen in den Hades. 

Die Einleitung und den Schluss seines Eides kann der Banker leicht angepasst vom Arzt übernehmen.

Einleitung: «Ich schwöre und rufe Hermes […] und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an, dass ich diesen Eid und diesen Vertrag nach meiner Fähigkeit und nach meiner Einsicht erfüllen werde.»

Schluss: «Wenn ich diesen Eid erfülle und nicht breche, so sei mir beschieden, in meinem Leben und in meiner Kunst voranzukommen, indem ich Ansehen bei allen Menschen für alle Zeit gewinne; wenn ich ihn aber übertrete und breche, so geschehe mir das Gegenteil.»

Und was steht zwischen Einleitung und Schluss? Ganz einfach: «Ich stelle im Zweifelsfall und im Rahmen der Gesetze die Interessen der Kunden vor andere, entgegengesetzte Interessen.» Und: «Ich kassiere einen eventuellen Gewinn aus einer Tätigkeit oder Investition nur dann, wenn ich bereit und in der Lage bin, auch den entsprechenden Verlust zu tragen.»

Sollten Banker nicht endlich einen solchen Eid für Banker fordern, in ihrem eigenen Interesse?

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»