Ein bisschen körperliche Arbeit

Jonathan Swift, zitiert aus «Gullivers Reisen»,
Insel Taschenbuch, 1974, S. 253 ff.

«Wir gingen über einen Weg zum anderen Teil der Akademie hinüber (…). Der erste Professor, den ich sah, befand sich in einem sehr grossen Zimmer und war von vierzig Schülern umgeben. Nach der Begrüssung bemerkte er, dass ich angelegentlich einen Rahmen betrachtete, der den grössten Teil der Länge und Breite des Zimmers einnahm, und sagte, ich wundere mich vielleicht, ihn mit einem Projekt zur Förderung der spekulativen Erkenntnis durch praktische und technische Verfahren beschäftigt zu sehen. Die Welt werde sich aber bald ihrer Nützlichkeit bewusst werden, und er schmeichle sich, dass nie ein edlerer, erhabenerer Gedanke dem Kopfe irgendeines anderen Menschen entsprungen sei. Jedermann wisse, wie mühevoll die gewöhnliche Methode sei, Kenntnisse auf dem Gebiet der Geistes- und Naturwissenschaften zu erwerben; dagegen könne durch seine Erfindung auch die unwissendste Person mit mässigem Kostenaufwand und ein bisschen körperlicher Arbeit auch ohne die geringste Hilfe von Begabung oder Studium Bücher über Philosophie, Poesie, Politik, Recht, Mathematik und Theologie schreiben. Dann führte er mich zu dem Rahmen, um dessen Seiten alle seine Schüler in Reihen standen. Er war zwanzig Fuss im Quadrat und stand in der Mitte des Zimmers. Die Oberfläche setzte sich aus verschiedenen Holzstücken von etwa der Grösse eines Würfels zusammen, aber einige waren grösser als andere. Sie waren alle durch dünne Drähte miteinander verbunden. Diese Holzstücke waren an jeder Seite mit Papier beklebt, und auf diese Papiere waren alle Wörter ihrer Sprache in ihren verschiedenen Modi, Tempora und Deklinationen geschrieben, aber ohne jede Ordnung. Der Professor bat mich dann achtzugeben, denn er wolle seinen Apparat in Betrieb setzen. Die Schüler ergriffen auf seinen Befehl alle je eine eiserne Kurbel, von denen vierzig rundherum an den Kanten des Rahmens befestigt waren, und dadurch, dass sie sie plötzlich drehten, wurde die ganze Anordnung der Wörter völlig verändert. Dann befahl er sechsunddreissig von den Burschen, leise die verschiedenen Zeilen zu lesen, wie sie auf dem Rahmen erschienen. Und wo sie drei oder vier Wörter beisammen fanden, die einen Teil eines Satzes bilden konnten, diktierten sie diese den vier übrigen Knaben, die Schreiber waren. Diese Arbeit wurde drei- oder viermal wiederholt, und der Apparat war so eingerichtet, dass sich die Wörter bei jeder Drehung an neue Stellen schoben, wenn sich die viereckigen Holzstücke herumdrehten.

Sechs Stunden am Tag waren die jungen Studenten mit dieser Arbeit beschäftigt, und der Professor zeigte mir mehrere Bände in grossem Folioformat mit unvollständigen Sätzen, die sie bereits gesammelt hatten. Er hatte die Absicht, sie zusammenzusetzen und der Welt aus diesem reichen Material ein vollständiges System aller Geistes- und Naturwissenschaften zu liefern, das sich jedoch noch verbessern und viel schneller aufstellen liesse, wenn die Öffentlichkeit einen Fonds zur Herstellung und Inbetriebnahme von fünfhundert solcher Rahmen in Lagado aufbringen und die Leiter verpflichten würde, ihre verschiedenen Sammlungen zu einer gemeinschaftlichen beizusteuern.

(…) Ich bezeigte dieser ausgezeichneten Persönlichkeit meinen untertänigsten Dank für ihre grosse Mitteilsamkeit und versprach, falls ich je das Glück hatte, in mein Vaterland zurückzukehren, ihm Gerechtigkeit als dem einzigen Erfinder dieses wunderbaren Apparats widerfahren zu lassen; ich bat um Erlaubnis, dessen Form und Einrichtung auf Papier zu skizzieren (…). Ich sagte ihm, obgleich es die Gewohnheit unserer Gelehrten in Europa sei, Erfindungen voneinander zu stehlen, wobei sie wenigstens den Vorteil hatten, dass ein Streit daraus entstehe, wer der rechtmässige Besitzer sei, so wolle ich doch solche Vorsichtsmassregeln ergreifen, dass er ohne einen Nebenbuhler die Ehre ungeteilt haben sollte.»

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»