Ein bisschen Afrika in Zürich

Aus «schnellschnellschnell» wird «ganz langsam oder gar nicht mehr».

 

Kürzlich, wir befanden uns gerade im Lockdown, stand ich kurz davor, die Nerven zu verlieren. Ich hatte all meine Livelesungen absagen müssen und sollte nun die erste Videolesung produzieren. Keine grosse Sache eigentlich. Statt vor Publikum würde ich einfach vor meinem Handy aus meinem Buch vorlesen. Aber auch im Livestream will man einen guten Eindruck machen: Also bestellte ich für mein Mobiltelefon eiligst ein Mikrofon und ein Handystativ – für einen besseren Ton und für ein unverwackeltes Bild.

In der Vor-Corona-Zeit wäre ich ins nächste Geschäft gegangen. In der Lockdown-Zeit verzögerte sich jedoch die Post­zustellung: Der Livestream-Sendetermin stand an, bevor das Päckli ankam. Als ich realisierte, dass ich ohne technische Aufrüstung auskommen musste, bemerkte ich, dass ich ebenso auf meine Notizen verzichten musste. Ich habe keinen Drucker und ich konnte nicht wie üblich in den Copyshop düsen, weil auch dieser geschlossen war. Ich ärgerte mich grün. Doch dann musste ich plötzlich lachen. Ich lebe einen grossen Teil des Jahres auf der afrikanischen Insel Sansibar. Was ich dort am meisten schätze, ist das Leben im Moment, das Fehlen von Hektik und dass man nichts planen kann, weil ­sowieso alles anders kommt. Auf Sansibar ein Handystativ und ein Mikrofon zu kaufen, ist ein Ding der Unmöglichkeit – das gibt es dort schlicht nicht. Notizen auszudrucken, ist ein Tagesprojekt; wenn sich ein Drucker findet, ist er entweder kaputt oder das Papier ist aus. Nerven tut sich darüber keiner, auch ich nicht, denn auf Sansibar ist das normal.

Warum ärgert mich in Zürich, fragte ich mich, was ich auf Sansibar mit Gelassenheit hinnehme? Ich fand keine Antwort. Also lehnte ich mich entspannt zurück und stellte ­zufrieden fest: Zürich im Lockdown ist etwas wie Afrika geworden. Schnellschnellschnell, wie man es sich in Zürich gewohnt war, funktionierte nicht mehr: Auch hier ging alles auf einmal ganz langsam oder gar nicht mehr. Auf einmal genoss ich die afrikanische Gemütlichkeit im sonst so hektischen Zürich. Schade eigentlich, dass uns das alte Tempo gerade wieder zu überrollen beginnt.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»