Ein anglikanischer Judenchrist in Zürich.

Am 8. Oktober 1864 trat Moritz Heidenheim sein Amt als anglikanischer Kaplan der englischen Gemeinde in Zürich an. Am selben Tag wandte er sich mit einem Gesuch an den Erziehungsrat: «Es wäre mir darum sehr angenehm, würde mir die Erlaubnis ertheilt, wöchentlich einige Vorlesungen an der hiesigen theologischen Fakultät halten zu dürfen.» Die Theologische Fakultät erklärte, «dass allerdings für eine Vermehrung der Lehrkräfte … kein Bedürfnis vorhanden sei; dass indess die wissenschaftliche Betätigung des Petenten zur Habilitation als Privatdoc. d. Theol. nicht zu beanstanden sei». So erhielt die Theologische Fakultät die Anweisung, die Probevorlesung des Petenten «mit thunlicher Beförderung» zu veranstalten, was Ende November geschah. Heidenheims Vorlesung hatte den Titel «Die Aufgabe der alttestamentlichen Exegese in der Gegenwart». Da der Petent Kenntnisse «insonderheit auf dem Gebiet der hebräischen Paläographie» aufwies, wurde er als Privatdozent an der theologischen Fakultät zugelassen.

Die Besonderheit dieses Habilitationsvortrags lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ein konvertierter Jude anglikanischer Konfession, der sich als Samariterforscher einen Namen gemacht hatte, legt die Bedeutung der alttestamentlichen Exegese den Theologen der Zwinglistadt dar. Drei Jahrzehnte lang hielt Heidenheim als Privatdozent Vorlesungen zum Alten Testament und zur rabbinischen Literatur und wurde nie Professor; er starb als ältester Privatdozent Europas. Denn das Kollegium, der Kirchen- und der Erziehungsrat sahen in seiner Beschäftigung mit der rabbinisch-talmudischen Tradition einen Hinweis, dass er das Judentum nicht überwunden hatte, und fanden, dass er sich deshalb für eine Professur an der evangelischen Fakultät nicht eigne. Tatsächlich aber war Heidenheim einer der ersten, der die Bedeutung der rabbinischen Tradition für die christliche Theologie erkannte.

Die Biographie ist im Rahmen eines Projekts des Schweizerischen Nationalfonds entstanden, zu dem auch die Sacherschliessung und Beschreibung der von Heidenheim zusammengetragenen umfangreichen Sammlung hebräischer Drucke und Handschriften gehört, die sich heute in der Zentralbibliothek in Zürich befindet. Hunderte von Bibelausgaben, dazu Werke früher jüdischer Grammatiker, hebräische Handschriften und illustrierte Esther-Rollen spiegeln die hebräische Literatur- und Druckgeschichte wider. Die Erschliessung der Sammlung und die gleichzeitig entstandene Biographie machen eine Gestalt bekannt, die sich einer einfachen Etikettierung entzieht. Heidenheim wurde 1824 in Worms in einer jüdischen Familie geboren, wurde zum Rabbiner ausgebildet, promovierte in Giessen in Philosophie, trat zum Christentum über, studierte am King’s College, wurde 1859 in London als anglikanischer Priester ordiniert und war zwischen 1864 und 1873 anglikanischer Kaplan in Zürich, wo er 1898 starb.

Heidenheims Lebensweg und sein spiritueller Werdegang werden im Kontext des Zeitgeistes positioniert, die spezifischen religiösen Verhältnisse in Zürich werden verständlich gemacht, und seine intellektuelle Neugier und seine wissenschaftliche Anstrengung – und sein Verkanntwerden durch die damalige etablierte Theologie! – werden im Zusammenhang seiner Entwicklung erklärt. Dabei ist eine gutrecherchierte und flüssig erzählte Biographie entstanden, die, indem sie eine Lebensgeschichte erzählt, zugleich eine Epoche europäischer und Schweizer Kultur- und Religionsgeschichte aufrollt.

vorgestellt von Stefana Sabin, Frankfurt

Olivia Franz-Klauser: «Ein Leben zwischen Judentum und Christentum. Moritz Heidenheim 1824–1898». Zürich: Chronos, 2008.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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