Eigenständig global

Die Schweiz muss sich global ausrichten, wenn sie ihre nationale Identität bewahren will. Sonst droht der langsame Erstickungstod in Folklore oder europäischer Umarmung.

Von Kindesbeinen an tun wir stets dasselbe: wir messen uns mit Gleichaltrigen, orientieren uns am Nachbarn. Was für Menschen gilt, trifft auch für Länder zu. Die Schweiz misst sich mit ihrem unmittelbaren europäischen Umfeld. Wie steht es um die jeweiligen Staatsquoten, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, die Standortattraktivität, die Qualität der Ausbildung, wie um das Steuersystem, die öffentliche Infrastruktur?

Betrachten wir das real existierende Umfeld, das von Italien, Frankreich und Deutschland geprägt ist, so steht die Schweiz gut da. Doch genau hier liegen die Probleme.

Erstens geben wir uns in der Schweiz dann gerne der Selbstzufriedenheit hin. Wenn wir in manchen Vergleichen* gut bis sehr gut abschneiden, ist es nicht weit bis zu dem seichten Argument: «Es geht uns zwar nicht mehr so gut wie auch schon, aber immer noch viel besser als den andern.» Von dieser Warte billiger Zufriedenheit aus werden dann – zweifelhafte – ordnungspolitische Entscheidungen getroffen, sei es in Sachen Beurteilung internen Steuerwettbewerbs oder Ausgestaltung der Sozialsysteme.

Das zweite Problem – und da wird es nun wirklich heikel – ist die Kehrseite des ersten. In einer Vergleichsgruppe besser dastehen – ja gerne, aber ums Himmels willen nicht viel besser, man könnte sonst unangenehm auffallen. Der Hang zur Unauffälligkeit ist umso ausgeprägter, je geeinter und homogener der Rest der Vergleichsgruppe sich präsentiert und agiert. Und so mutieren dann Eigenschaften wie direkte Demokratie, starke Volksrechte, Steuerwettbewerb und bürgerliche Eigenverantwortung von Qualitäten zu gefährlichen Ausgrenzungsmerkmalen, die unweigerlich alle möglichen Gruppenreflexe produzieren: naming & shaming, Ausgrenzung, letztlich Aufforderung zur Anpassung, um ja wieder gruppenkonform und -akzeptabel zu werden.

Selbstzufriedenheit und Gruppendruck sind zwei reale Gefahren für die Schweiz. In beiden Fällen wird eine zentrale Tatsache ausser acht gelassen: die Wirtschaftskraft – und somit der Lebensstandard – der Schweiz beruht nicht darauf, dass wir dasselbe eine Spur besser machen als unsere Nachbarn, sondern auf unserer Differenzierung und Konkurrenzfähigkeit im globalen Wettbewerb. Dies sind die Faktoren, um die es bei eventuellen Vergleichen geht.

Unsere Bezugsgrössen können und dürfen nicht die Durchschnittswerte der umliegenden Staaten, sondern müssen die erfolgreichsten und dynamischsten Wirtschaftszentren weltweit sein: ausgewählte Staaten und Städte in Asien und anderen aufstrebenden Märkten, die wirtschaftlich starken Regionen und Städte Oberitaliens und Südwestdeutschlands, London oder New York – je nach Branche. Der Flughafen-Express in Hongkong oder Tokyo lässt unsere Bundesbahnen buchstäblich alt aussehen, während sie im Vergleich mit italienischen Regionalzügen zweifellos eine gute Figur machen. Und es ist der Unternehmenssteuersatz in Hongkong oder Singapur, der uns nachdenklich stimmen sollte, und nicht jener in Mailand oder Paris.

Dieser globale Leistungsanspruch hat nichts mit Arroganz zu tun, sondern ist schlicht eine Überlebensfrage. Nur die Fähigkeit, mit den Besten mitzuhalten, wird es uns erlauben, unseren Lebensstandard zu halten – und gesellschaftlich-politisch andersartig zu bleiben, unsere Identität zu schützen. Begnügen wir uns hingegen – aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit – damit, uns an unserem unmittelbaren Umfeld zu messen, wird unsere globale Wettbewerbsfähigkeit sinken und gleichzeitig die wirtschaftliche Attraktivität des gesicherten Zugangs zum europäischen Binnenmarkt steigen. Als Folge dieser Ausrichtung am unmittelbaren Umfeld wächst die Verlockung, in diesem riesigen, dem Durchschnitt verpflichteten, protektionistisch abgeschirmten Binnenmarkt aufzugehen. Dieser wird uns ohne Zweifel gerne aufnehmen – um den Preis der lückenlosen Botmässigkeit im Sinne der Gruppe. Siehe die Ausführungen oben.

Wie ist nun mit dieser Situation umzugehen? Schliesst man die Selbstaufgabe durch den raschen EU-Beitritt aus, stehen zwei Wege zur Wahl – ein naheliegender, scheinbar bequemer: ein Holzweg, oder ein längerer, beschwerlicherer, der jedoch das Zeug zum Königsweg in sich hat.

Der Holzweg besteht in einem emotional geprägten, nationalistisch gefärbten Rückzug auf ein paar schweizerische Eigentümlichkeiten und einer entsprechenden Abschottung. Eine der grossen Gefahren der aktuellen politischen Gemengelage liegt darin, dass die Verlierer…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»