Ehre als Ideal, Idol oder Freipass zu töten.

Über praktische, literarische und theoretische Aspekte neuzeitlicher Ehrbegriffe

Anhand literarischer Quellen zeigt der Germanist Hans Bänziger die historische Entwicklung des Ehrbegriffs auf. Er beginnt mit einem gegenwartsbezogenen Kapitel zum Thema «Ehrenkodex im Unterricht», in dem er über seine diesbezüglichen Erfahrungen als Lehrer an US-amerikanischen Colleges und Hochschulen berichtet. Im Folgenden analysiert er den Ehrbegriff in der deutschsprachigen Literatur vor und nach 1900, u.a. am Beispiel von Lessings «Minna von Barnhelm» und «Der junge Gelehrte» und dehnt dann seine Beobachtungen mit Beispielen aus Spanien, Frankreich und Polen auf den ausserdeutschen Sprachraum aus. Ein weiteres Kapitel handelt von der Rolle der sogenannten unehrenhaften Berufe und Abstammungen in der Literatur. Das Schlusskapitel bezieht sich auf den Ehrbegriff bei Kant, der die Ehre als «Tugendschimmer» bezeichnet hat, und auf Lichtenberg und seine höchst bemerkenswerte «Hypothese von den verschiedenen Schwerpunkten der Ehre».

Bänzigers Monographie zeichnet sich durch eine grosse Fülle von literarischen Beispielen zum Wandel des Ehrbegriffs im Laufe der Zeit aus. Als versierter Literaturkenner kann er aus dem Vollen schöpfen und bringt die Beispiele zueinander gekonnt in Verbindung. Als ethisch-moralischer Wert ist die Ehre, die in früheren Epochen etwas ganz Zentrales war, fast verschwunden. Mit guten Gründen erinnert der Autor an die breite ursprüngliche Spannweite des Begriffs, an seine Konstanten sowie an seine positiven und negativen Aspekte im Wandel der Epochen. Sein Buch ist nicht nur ein Beitrag zum Thema Ehre, es vermag auch jene zum Wiederlesen von Klassikern wie Lessing, Schiller und Kant anzuregen, die dem Bedeutungsverlust des Ehrbegriffs nicht sonderlich nachtrauern.

Ein ganz anders strukturiertes, bereits 1982 erschienenes (und inzwischen vergriffenes) Buch zum Thema «Ehre» ist jenes von ETH-Professor Otto Angehrn mit dem Titel «Nachruf auf die Ehre» (Schulthess Polygraphischer Verlags). Anghern beginnt mit einer Definition des Begriffs, um daran einen historischen Überblick anzuschliessen, der in einen sozialgeschichtlichen und religiösen Rückblick mündet. Schliesslich nimmt er Bezug auf den Zerfall der Ehre in der Gegenwart und erforscht dessen Ursachen. Sein Buch endet mit einem Aufruf zur Wiederbelebung des Ehrbegriffs in Form von mehr Rücksichtnahme auf die Mitmenschen und allgemein höflicheren Umgangsformen. Während Bänziger eher für literarisch Gebildete schreibt, wendet sich Angehrn primär an soziologisch-historisch Interessierte. Beide Publikationen sind nicht als nostalgische Nachrufe konzipiert, sondern als durchaus aktuelle und nicht unkritische Ehrenrettungen für die Ehre, der diese Ehre gebührt.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»