Christine Brand, zvg.

Ehering als Fussfessel

Was eine Heirat für die persönliche Freiheit bedeutet.

 

Kürzlich begleitete ich einen Freund zu seiner Schneiderin, weil er sich sein Hochzeitssakko anpassen liess. Er geht gegen die fünfzig und ist ein sehr freiheitsliebender Mann. Dass er nun zum ersten Mal heiraten wird, erachte ich als einen Fehler. Das hat nichts mit seiner neuen Freundin zu tun, aber viel mit ihm selbst. Seit er mit ihr zusammen ist, macht er dem partnerschaftlichen Frieden zuliebe Dinge, die früher für ihn nicht in Frage gekommen wären. Geplante Kinder sind kein Hochzeitsgrund, denn dafür ist das Brautpaar zu alt. Ich frage mich also: Warum heiraten die Leute? Und wie weit schränkt eine Ehe die persönliche Freiheit ein?

Ich habe nie geheiratet. Schon als Elfjährige erklärte ich meiner Mutter in ernstem Tonfall, dass es für mich nur einen Grund für eine Hochzeit gäbe: Ich würde einen Ausländer heiraten, wenn er dadurch in der Schweiz bleiben dürfte. Tatsächlich wurde ich Jahrzehnte später von einem Freund um eine Scheinehe gebeten – die ich aber geschickt vermeiden konnte, weil ich selbst gerade dabei war, die Schweiz zu verlassen. Es war das einzige Mal, dass ein Mann um meine Hand anhielt (wenn man den Erpressungsversuch eines Zöllners in Swasiland nicht mitzählt, der mich nur über die Grenze lassen wollte, wenn ich ihn heiraten würde). Die bescheidene Zahl an Heiratsanträgen lag indes nicht an einem Mangel an Männern, sondern wohl eher daran, dass ich jeweils sehr schnell klarstellte, dass ich keine Frau zum Heiraten sei – weil ich meine Freiheiten brauche.

Heute denke ich: Es spielt keine grosse Rolle, ob ein Trauschein existiert. Auch mir ist es zumindest einmal passiert, dass ich in einer Beziehung freiwillig so viele meiner Freiheiten aufgab, dass ich mich beinahe selbst verlor. Wie viele Kompromisse man eingeht in einer Partnerschaft – bewusst oder unbewusst –, ist eine Gratwanderung. Vor allem, wenn viel Liebe im Spiel ist.

Eine Beziehung ist nur dann gesund und gut, wenn man sich immer noch frei fühlen kann und man sich selbst treu bleibt. Klar ist: Wer nicht verheiratet ist, kann einfacher weiterziehen, wenn es nicht mehr stimmt.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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