Editorial

Vermutlich gönnen Sie sich eine Mussestunde, wenn Sie dieses Heft zur Hand nehmen. Vielleicht sind Sie froh, sich für eine kurze Weile in eine andere Welt vertiefen zu können und Ihre Arbeit hinter sich zu lassen. Den Alltag verlassen kann freilich nur, wer einen hat; das Nichtstun bezieht seinen Wert aus einem scharfen Kontrast. Den […]

Vermutlich gönnen Sie sich eine Mussestunde, wenn Sie dieses Heft zur Hand nehmen. Vielleicht sind Sie froh, sich für eine kurze Weile in eine andere Welt vertiefen zu können und Ihre Arbeit hinter sich zu lassen. Den Alltag verlassen kann freilich nur, wer einen hat; das Nichtstun bezieht seinen Wert aus einem scharfen Kontrast. Den meisten von uns ist Arbeit Fluch und Segen zugleich – wir plagen uns klagend mit ihr ab und ziehen unermesslichen Gewinn aus ihr. Doch so paradox die Arbeit ihrem Wesen nach ist, so ist eines klar: Hätten wir keine, fehlte uns Entscheidendes.

Zweifellos sind die sozialen Probleme der Schweiz im internationalen Vergleich gering. Tatsache ist aber, dass die Sockelarbeitslosigkeit auch hierzulande stetig steigt und damit der Anteil jener Leute, die dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind und kaum mehr Aussicht haben, je wieder eine Stelle zu finden. Die Sozialhilfe, ein Mittel zur Linderung von Notsituationen, entwickelt sich zusehends zur Dauerlösung – die Zeiten der Vollbeschäftigung sind auch in der Schweiz vorbei.

Auf den Wandel der Wirtschaft hat das Sozialwesen bislang nicht wirklich reagiert. Bewegung war lange Zeit wenig zu registrieren und wenn, dann nur in eine Richtung: Parallel zu den Problemen steigen die Summen, die in den Sozialstaat gepumpt werden. Inzwischen machen die Sozialausgaben über 30 Prozent des Staatshaushalts aus. Eine Diskussion darüber, wie sich die Sozialpolitik strukturieren soll, um den grundlegenden Veränderungen im Arbeitsmarkt zu begegnen, findet dagegen nicht statt.

Wird im Zusammenhang mit dem Sozialwesen öffentlich über Geld geredet, geschieht das selten auf konstruktive Weise – die Rede über porschefahrende Sozialhilfebetrüger hier und sparresistente Kuschelbeamte dort trägt wenig dazu bei, die fundamentalen Probleme zu lösen, die sich heute stellen. Auf den folgenden Seiten unternehmen wir den Versuch, die nötige Debatte auf eine andere Ebene zu heben. Wir fragen danach, wie das sozialstaatliche Angebot gestaltet werden muss, um effizient zu werden und zu wirken, das heisst für das ganze Gemeinwesen finanzierbar zu sein und dem einzelnen Betroffenen den grössten Nutzen zu bringen. Gerade für letzteres, so zeigen unsere Autoren, sind nicht mehr staatliche Mittel, sondern mehr unternehmerischer Mut gefragt.

Wir wünschen anregende Lektüre.

Die Redaktion

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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