Editorial

Der helvetische Wutbürger ist einer, der die Faust im Sack macht. Er ist unzufrieden mit den Verantwortlichen für den Betrieb des Landes, er ist zornig gegenüber «denen da oben». Doch bekundet er seinen Unmut am liebsten im geschützten Ambiente des Freundeskreises, wo er davon ausgehen kann, dass andere seine Ansichten teilen. Kurzum, er schimpft laut […]

Der helvetische Wutbürger ist einer, der die Faust im Sack macht.
Er ist unzufrieden mit den Verantwortlichen für den Betrieb des Landes, er ist zornig gegenüber «denen da oben». Doch bekundet er seinen Unmut am liebsten im geschützten Ambiente des Freundeskreises, wo er davon ausgehen kann, dass andere seine Ansichten teilen. Kurzum, er schimpft laut – aber eigentlich spricht er kaum hörbar.

Dieses Magazin, das die «Süddeutsche Zeitung» einst das «Zentralorgan zur Ermittlung des politischen Selbstverständnisses in diesem Land» nannte, denkt coram publico über die helvetischen Verhältnisse nach. Als ich vor ein paar Wochen mit Josef Ackermann telephonierte, wussten wir wohl beide nicht, was aus seinen Gedanken zum wachsenden bürgerlichen Unbehagen in der Confoederatio Helvetica werden würde. Der Ex-Chef der Deutschen Bank, von den Medien gerne als Agent der wachsenden Entfremdung von Wirtschaft und Gesellschaft dargestellt, schreibt aus seiner persönlichen erfahrungsgesättigten Sicht über genau diese Entfremdung, offen und engagiert. Mit Freude drucke ich den differenziert argumentierenden Essay ab – lohnenswerte Lektüre!

Der zweite grosse Essay dieser Ausgabe stammt vom Vordenker-Romanisten-Fussballkenner-Schweizfan Hans Ulrich Gumbrecht. Er unternimmt darin den fulminanten Versuch, die egalitäre Gegenwart unserer Breiten zu deuten. Hinter den aktuellen Programmen und Befindlichkeiten trifft er auf ein Phantasma, das alles politische Handeln im satten Mitteleuropa bestimmt: der Traum vom schicksalsfreien Leben. Minutiös zeichnet er nach, wo der moderne Individualismus in Kollektivismus umschlägt und der Kampf gegen Diskriminierungen in eine Diskrimi-nierung zweiten Grades. Mehr vom Stanford-Professor in unserem Dossier.

 

Anregende Lektüre!

René Scheu, Herausgeber