Editorial

«Bevormundung» ist ein hartes Wort. Vor dem inneren Auge erscheint ein finster dreinblickender Mensch, der entscheidet, was für mich am besten ist. Niemand will solche Vormünder – und solche staatlicher Art noch weniger. Aber will darum niemand staatliche Bevormundung? – Die Antwort ist Nein. Längst bestimmen staatliche Autoritäten, wie wir uns zu ernähren, wie wir […]

«Bevormundung» ist ein hartes Wort. Vor dem inneren Auge erscheint ein finster dreinblickender Mensch, der entscheidet, was für mich am besten ist. Niemand will solche Vormünder – und solche staatlicher Art noch weniger. Aber will darum niemand staatliche Bevormundung? – Die Antwort ist Nein. Längst bestimmen staatliche Autoritäten, wie wir uns zu ernähren, wie wir uns ethisch zu verhalten, wie wir Sex und Beziehungen zu leben haben. Mehr über die neue Kunst der sanften und totalen (einige unserer Autoren meinen: latent totalitären) Anleitung zu einem besseren Leben in unserem Dossier.
1315, 1515, 1815, 2015: Der Kampf um die Deutungs­hoheit in der Confoederatio Helvetica ist lanciert. Wer die Bedeutung von Daten und Begriffen prägt, prägt auch das Denken und somit das Handeln der Leute. Wir publizieren darum ein besonderes Gespräch über ein ganz anderes Jahr, eines, das zwar nicht jubiläumsträchtig ist, die Gegenwart aber dennoch nachhallend bestimmt: 1968. Christoph Blocher, Georg Kohler, Remo Largo, Elisabeth Michel-Alder, Robert Nef haben sich getroffen – und den einzigen, echten 1968er unter sich erkoren.
Wer die Schlagzeilen, Bekundungen und Bekenntnisse in den Tagen seit dem perfiden Anschlag von Islamo-Terroristen auf das linke französische Satiremagazin «Charlie Hebdo» mitverfolgt hat, könnte geneigt sein zu glauben, er lebe in Mitteleuropa in einer Oase der Meinungsfreiheit. Das ist leider nicht der Fall. Nicht nur Franzosen beschneiden das Recht auf freie Rede seit Jahr und Tag – die Ahndung von «Meinungsdelikten» gilt längst als zivilisatorische Errungenschaft.
Wir arbeiten, Sie wissen es, ständig an unserem Magazin. Mehr dazu ab März. Ich kündige schon einmal an, dass unsere Kolumnisten Andreas Oertli & Markus Fäh, Gottlieb F. Höpli, Tomáš Sedláček, Wolfgang Sofsky, Cora Stephan und Ulrich Zwygart künftig in anderen Gefässen bitterböse bzw. wohlüberlegte Texte für uns verfassen. Herzlichen Dank für die geleistete Denkarbeit. Auf ein weiteres spannendes (Denk-)Jahr!

René Scheu
Herausgeber & Chefredaktor

PS. Mit dem SNB-Entscheid befassen wir uns in aller Ruhe – also später.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»