Editorial

Als Peter Sloterdijk mitten in der Staatsschuldenkrise schrieb, wir würden angesichts von Staatsquoten um 50 Prozent im «Semisozialismus» leben und das «fiskalische Mittelalter» sei noch nicht zu Ende, brauste ihm ein Sturm der Entrüstung entgegen. Die Provokation, zumal anschaulich und fundiert vorgetragen, hatte gesessen, gerade bei den modernen Anhängern der Frankfurter Schule. Und sie beschäftigt […]

Als Peter Sloterdijk mitten in der Staatsschuldenkrise schrieb, wir würden angesichts von Staatsquoten um 50 Prozent im «Semisozialismus» leben und das «fiskalische Mittelalter» sei noch nicht zu Ende, brauste ihm ein Sturm der Entrüstung entgegen. Die Provokation, zumal anschaulich und fundiert vorgetragen, hatte gesessen, gerade bei den modernen Anhängern der Frankfurter Schule. Und sie beschäftigt das Feuilleton bis heute.

Dabei geht es Sloterdijk nicht in erster Linie um Provokation, sondern um eine anthropologische Revolution, man könnte auch weniger pathetisch sagen: um eine neue Ethik. Um das, was er selbst die «thymotische Wende» nennt, die Wiederentdeckung des Stolzes.

Die Ausgangslage der Debatte ist in der anhaltenden Krise noch dieselbe: Der wichtigste Geber – der Steuerzahler – gilt als Schuldner mit untilgbarer Schuld. Wer viel hat, ist dabei a priori schuldig, weil er nach bewährter Vorstellung zuvor ein Dieb gewesen sein muss. Wer genug hat und gibt, also brav Steuern zahlt, gibt stets zu wenig. Und wer darüber hinaus freiwillig gibt, erkauft sich die anvisierte Absolution selbst-redend zu einem stets viel zu niedrigen Preis. Das Erstaunliche an dieser mentalen Konstellation besteht nun darin, dass die grosszügigen Steuerzahler und Spender sich grossmehrheitlich selbst in der Rolle der Schuldner sehen. Dies will Sloterdijk ändern. Wo Schuldner war, muss ein seiner Leistung bewusster Sponsor des Gemeinwesens werden.

Im folgenden Gespräch liefert der Philosoph die anthropologischen Grundlagen für die angedachte Wende. Der Mensch befindet sich seit Jahrhunderten in einem autoplastischen Prozess. Frei nach Sloterdijk: gib in einem müden Augenblick zu, dass wir alle arme Steuerschuldner sind, und du bekommst ein Land voller Untertanen. Aber überzeuge dich in einem Moment der Stärke davon, dass du wirklich etwas leistest, und du gibst gerne – und vielleicht gibst du gar noch mehr, wenn du weisst, wem es zugutekommt. Hier wäre nach Sloterdijk anzusetzen: Eine neue Zivilgesellschaft mit emotionalem Band zwischen Gebendem und Gabe könnte Abhilfe schaffen, und Unternehmer und Stifter könnten mit gutem Beispiel vorangehen.

Sloterdijk macht sich freilich nicht nur theoretische Gedanken über eine Ethik des Gebens, er packt auch selbst an. Zurzeit arbeitet er daran, in Karlsruhe ein Institut für psychopolitische Forschung zu gründen, in dem die Untersuchung sozialer Phänomene in Begriffen wie Stolz, Vertrauen, Furcht,
Ressentiment und Wille zur Illusion eine Schlüsselrolle spielen. Jüngst hat er zusammen mit Freunden den Myschkin-Preis ins Leben gerufen, der an Personen verliehen wird, die sich durch Handlungen von besonderer Grosszügigkeit auszeichnen. Und nun will er wiederum zusammen mit Freunden ein Unternehmen schaffen, das sich mit der Beratung und der geistigen Orientierung potentieller Stifter beschäftigt – eine Art Netzwerk für Spendenaufklärung.

Sloterdijks Gedanken und Initiativen ist Erfolg zu wünschen. Sie sind Teil eines grösseren philosophischen Projekts, die Zivilgesellschaft neu zu entdecken.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»