Editorial

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Think-Tanks, überholte Strukturen in Frage zu stellen und neue Lösungsvorschläge auf den Ideenmarkt zu bringen. Die Öffentlichkeit muss sich daran gewöhnen, dass von dieser Seite auch Modelle lanciert werden, die den Charakter eines gedanklichen Experimentes haben und sich also nicht zur sofortigen Umsetzung eignen. Die von Avenir Suisse neu belebte Föderalismusdebatte liefert dafür ein instruktives Beispiel.

Es stimmt: der Föderalismus des 21. Jahrhunderts muss sich an neue ökonomische, soziale und politische Gegebenheiten anpassen. Als vermittelndes Prinzip zwischen den lokalen Gebietskörperschaften und der Zentralregierung kann er seine Integrationsfunktion nur erfüllen, wenn er flexibel auf Veränderungen reagiert. Die Meinung, der Fortschritt beruhe auf einer raschen Umsetzung der von den Fachleuten empfohlenen Rezepte sowie auf dem hemmungslosen Überbordwerfen bestehender Abgrenzungen und Ordnungsstrukturen, hat sich allerdings allzu oft als verhängnisvoller Irrtum erwiesen. Jede innovative Idee muss sich vor ihrer Verwirklichung in zwei grundsätzlich unterschiedlichen Phasen bewähren: zunächst einmal in der intellektuellen Debatte, die eine Vorselektion des Wünschenswerten und Möglichen vornimmt, und anschliessend in der oft mühsamen politischen Realisierung. Deren Chancen steigen, wenn in der ersten Phase eine sorgfältige, unvoreingenommene und transparente Abwägung von Vor- und Nachteilen erfolgt ist.

Unsere Zeitschrift leistet ihren Beitrag vorwiegend im Kontext der ersten Phase. Wir beteiligen uns seit je an der nicht nur für die Schweiz wichtigen Föderalismusdebatte, indem wir uns mit neuen Lösungsvorschlägen kritisch auseinandersetzen und sie mit herkömmlichen und neuen Denkansätzen konfrontieren. Wer in einer sich wandelnden Welt an bewährten Prinzipien festhält oder ihnen neu zum Durchbruch verhelfen will, darf vor einschneidenden strukturellen Veränderungen und auch vor ungewohnten Lösungen nicht zurückschrecken.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»