Editorial

Würde alle geraubte Kunst ihrem Besitzer zurückgegeben, böte sich dem Besucher der Museen und Kunstsammlungen ein seltsames Bild: verwaiste Podeste in der Abteilung für antike Skulpturen, freie Flächen in den Räumen, die der Kultur der Majas oder der alten Ägypter gewidmet sind, weisse Flächen dort, wo vertraute Werke der Moderne hängen. Der Handel mit geraubter Kunst, das war schon immer ein gutes Geschäft – lukrativer ist laut Interpol nur noch der Drogen-, Menschen- und Waffenhandel.

Kriege – der historische Kampf um Troja ebenso wie die jüngste Auseinandersetzung im Irak –, die staatlich sanktionierte Beschlagnahmung von Kunst, wie sie in grossem Stil etwa in Nazideutschland stattfand, aber auch Raubzüge professioneller Banden in den Ausgrabungsstätten untergegangener Kulturen überschwemmen den Markt stets aufs neue mit Kunst, deren Herkunft oftmals schon nach kurzer Zeit im Dunkel liegt. Noch immer hat der Kunstraub Konjunktur. Die Transformationsprozesse in den mittel- und osteuropäischen Ländern haben gerade diesem Bereich des organisierten Verbrechens neue, weite Felder geöffnet.

Wem aber gehören Kunstobjekte, wenn sie erst einmal durch viele Hände gegangen sind, wenn sie vom aktuellen Besitzer im guten Glauben und ohne Unrechtsbewusstsein erworben wurden? Wer muss heute dafür herhalten, dass nach 1933 jüdische Sammler um ihren Besitz gebracht wurden? Die Museen und Privatleute, deren Sammlungen durch eben jenes Raubgut bereichert wurden, das nun zurückgefordert wird – oder die jüdischen Erben, die auf den Besitz ihrer Vorfahren verzichten sollen? Welches ist die Rechtslage in der Schweiz, welche Richtlinien gelten international? Nicht etwa, dass unser Dossier auf alle Fragen eine Antwort hätte – aber blättern und lesen Sie doch selbst darin.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»