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Editorial

Editorial
Bild: pixabay.

«Friede und Krieg hängen davon ab, ob ein hohes Tier gute Verdauung hat.»

James Joyce, «Ulysses»

 

Im Grundsatz lehnen Liberale den Krieg ab, den Staatslenker gegeneinander anzetteln, denn es ist nicht ihr Krieg, und sie wollen auch in dieser Frage vom Staat in Ruhe gelassen werden. Natürlich: Unter Beschuss und Besatzung einer fremden Armee verändert sich diese Haltung zwangsläufig. Doch der Grundsatz bleibt von höchster Bedeutung: Krieg ist nie im Interesse von produktiven, konstruktiven Individuen. Niemals im Sinne von jenen, die an der Front sterben, und ihren Lieben. Und immer nur im Sinne von jenen, die selbst nicht in direkte Gefahr zu geraten drohen. In der Netflix-Neuverfilmung des Antikriegsromans «Im Westen nichts Neues» zeigt sich der Abklatsch des Kriegsbefürworters im vom Kriege beseelten General, der im schönen Ambiente einer Villa ausgewählte Gerichte serviert erhält – und von dort aus Teenager zur Abschlachtung an die Front befiehlt.

 

«Niemand darf gezwungen werden, ein Land mit Waffen zu verteidigen», twitterte Juso-Präsidentin Ronja Jansen noch zu Beginn des ungerechtfertigten Angriffskriegs Russlands. Auch verlangt das SP-Parteiprogramm im Grundsatz «ein striktes Verbot von Waffenexporten». Nun setzt selbst bei Leuten, die sich bisher Pazifisten nannten, ein Wandel ein, wie er noch vor wenigen Jahren undenkbar war. Heute setzen sich die Sozialdemokraten für eine Genehmigung der Wiederausfuhr von gekauftem Kriegsmaterial durch den Bundesrat ein. Wie schon bei Corona plädieren Intellektuelle und Journalisten, die selbst kein Gewehr gerade in der Hand halten können, für die härtesten Massnahmen. Sie sehen schon jetzt keinen Weg mehr zu einer Verhandlungslösung, geschweige denn zu einem Frieden. Russland muss besiegt werden, finden sie. Oder wenigstens Putins Kopf rollen.

 

Mit Personal in politischen Spitzenpositionen, das sich mit dem Corona-Notrecht an das Durchregieren ohne Widerstand gewöhnt hat, droht unter Druck der Medien aus dem regional begrenzten Krieg in der Ukraine ein weltweiter Konflikt, vielleicht sogar ein Nuklearkrieg zu erwachsen. Die Kommunistische Partei Chinas hat übrigens im Februar stillschweigend ein neues Militärdienstgesetz verabschiedet, so dass ihr ab dem 1. März auch Reserven zur Verfügung stehen. Sollte China Taiwan auch nur ein Haar krümmen, werden die USA aktiv. Und dann kann alles passieren.

 

Wer für die Freiheit kämpft, nimmt in Kauf, für die Freiheit zu sterben. Doch für Gott oder für bescheuerte Machthaber sterben mag hoffentlich niemand, der bei Sinnen ist. Alexander Solschenizyn schrieb in «Archipel Gulag»: «Alle eure Kriege – nehmen sie denn nicht beim Schwachsinn der obersten Politiker ihren Anfang? Ist denn Hitler nicht aus Schwachsinn über Russland hergefallen, seinem eigenen Schwachsinn und jenem von Stalin und jenem von Chamberlain? Und nun wollt ihr mich in den Tod jagen? Als ob ihr mir das Leben gegeben hättet?!»

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