Editorial

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Bild: pixabay.com

«Als wärst du erst gestern aus dem Dorf gekommen!»
Taxiunternehmer in Mombasa zu einem Mitarbeiter, der einen Termin verpasst hat.

 

Über Neujahr war ich auf Besuch in Kenia, und auf dem Weg von Mombasa nach Nairobi, also von der wichtigsten Hafenstadt Ostafrikas in die Hauptstadt, ist erneut klargeworden, wie wichtig eine funktionierende Infrastruktur ist für das Gedeihen einer Wirtschaft. Bei ­dieser Hauptverkehrsverbindung, die darüber hinaus Länder wie Uganda, Ruanda, Burundi, die Demokratische Republik Kongo und den Südsudan mit dem internationalen Schiffsverkehr verbindet, handelt es sich nämlich um eine einspurige Landstrasse, von der aus man Schulkindern beim Hüten von Ziegen und Bauern beim Eggen mit dem Holzpflug zuschauen kann. Auf dieser Hauptachse Ostafrikas fahren alle Verkehrsteilnehmer hinter Lastwagen her, die mit Geschwindigkeiten von 20 bis 60 Kilometern die Stunde durch Dörfer tuckern, wo sie von verkehrsberuhigenden Bremsschwellen (Speedbumps) zum Stillstand gebracht werden – was eine gute Gelegenheit ist, fliegenden Händlern geröstete Cashewnüsse abzukaufen.

Wie produktiv wäre wohl die Schweiz, wenn die Fahrt von Zürich nach Genf ähnlich langsam vor sich ginge? Machen wir es uns klar: Schneller, ungehinderter Verkehr bedeutet ­freien, produktiven Handel und damit Wohlstand und Fortschritt. Pioniere wie Alfred Escher haben den Weg dafür vor 150 Jahren freigemacht. Selbst ein im Weg stehendes Alpenmassiv diente ihnen nur als Anlass, es zu überwinden, zu durchbohren.

Dass nun vor Weihnachten ausgerechnet ein Mitglied der FDP, der Städteverbandspräsident und Frauenfelder Stadtpräsident Anders Stokholm, gefordert hat, dass die Autofahrer ihr Tempo in den Städten generell auf maximal 30 beschränken sollen, muss als Retardierung des von Escher eingeschlagenen Wegs angesehen werden. So wie in Kenia heute trieb es damals die aufstrebenden Leute in die Städte, wo sie Fortschritt, Abenteuer und Wohlstand fanden. Westliche Städter heute scheinen nur noch den Anspruch zu haben, rundum versorgt zu werden, zu 100 Prozent sicher zu leben, und das bitte ohne jeglichen Lärm.

Es ist ein Merkmal der Dekadenz. Und ein Grund, Alarm zu schlagen. Es sind nämlich immer jene, die glauben, alle Probleme gelöst zu haben, die plötzlich mit neuen Problemen ein­gedeckt werden. Verlangsamt sich die Schweiz unter der Leitung der Saturierten und Satten immer weiter, wird sie am Ende des Weges dastehen wie Kenia jetzt, mit quälend langsamen Prozessen, einer statischen statt dynamischen Gesellschaft und am Ende mit Armut statt Wohlstand. Wer im heutigen Zürich auf der breiten, leeren, völlig ungefährlichen Hardturmstrasse mit Tempo 30 zu einem wichtigen Termin schleichen muss, fühlt sich zu Recht im falschen Film. Bis an den vielen Rotlichtern dieser Strasse die fliegenden Händler auftauchen, ist nur noch eine Frage der Zeit.

«Ich bin angetan von der
breit gefächerten Themenvielfalt.»
Fritz Egli, Motorradlegende und Weltrekordhalter,
über den «Schweizer Monat»