Editorial

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Assignat, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=703491

 

«Hyperinflation is going to change everything. It’s happening.»

Jack Dorsey, Gründer und CEO von Twitter, am 23. Oktober 2021

 

Am 18. Februar 1796 um 9 Uhr morgens schleppten Bürger die Papiergeld namens Assignats produzierende Druckmaschine auf die Place Vendôme in Paris, zerstörten sie und zündeten sie an. Assignats wurden im Dezember 1789 herausgegeben und waren bereits im Februar 1793 real nur noch halb so viel wert wie zu Beginn, und zunehmend ­rascher noch weniger. Die Regierung verbot das Horten von Lebens­mitteln und legte ein Preismaximum fest. Bürger, welche die Annahme von Assignats verweigerten, zu eigenen Kursen handelten oder Gold- oder Silbermünzen verkauften, wurden zunächst zu Busse und zwanzig ­Jahren im Gefängnis verurteilt, ab September 1793 dann mit dem Tod und der Beschlagnahmung des Eigentums bestraft. Wer solche «Kriminelle» denunzierte, erhielt eine Belohnung der Behörden.

Im Hier und Jetzt ist die Jahr-zu-Jahr-Inflationsrate des US-Dollars auf 6,2 Prozent hochgeschnellt, während der Leitzins eisern auf 0,25 Prozent verharrt. Zuletzt derart stark ansteigende Inflation gab es in den USA vor über 40 Jahren: Als Zentralbankchef Paul Volcker 1979 den Leitzins stark erhöhte und damit den «Volcker-Schock» auslöste, landete die Zinsrakete 1981 bei einem Leitzins von 19 Prozent – jedoch aus­gehend von einem ganz anderen Niveau: Die Leitzinsen bewegten sich in den 1970er-Jahren meist in einem Band zwischen 5 und 10 Prozent. 1973/74 vervierfachte sich der Preis von Rohöl innert einem Jahr – was würde heute passieren bei einem vergleichbaren Schock?

Die Zentralbanker der Federal Reserve, aber auch der EZB haben Schulden aufgekauft und Zinsen gesenkt, statt sie anzuheben. Nun drohen zwei Schreckensszenarien: eine Inflation, die so stark ansteigt, dass sie nicht mehr zu kontrollieren ist. Oder eine abrupte, heftige Anhebung der Leitzinsen, die zu einem Aktien- und Immobiliencrash biblischen Ausmasses führt oder gar zu einem temporären Kollaps des Finanz­systems. Führende Ökonomen weltweit sehen keine solchen extremen Entwicklungen – wer vor einer bleibenden starken Inflation warne, sei fernab der Realität. Die Kommunikation der Fed hat sich aber bereits verändert: Sie behauptet nicht mehr, die hohe Inflation sei «transitorisch», sondern werde bis mindestens 2022 hoch bleiben, dann aber wieder weggehen. Wie und wieso das passieren wird, erklärt niemand.

Die Zentralbanken sind mit ihrer Strategie, Risiken auf morgen zu verschieben und Schulden mit frischgedrucktem Geld zu bezahlen, im Endspiel angelangt. Bis zum grossen Schock wird alles bestens verlaufen.

«Der ‹Schweizer Monat› leistet auch
kulturell vielseitige Aufklärungsarbeit»
Ilma Rakusa, Übesetzerin und Literatin,
über den «Schweizer Monat»