Editorial

Man soll zwar das Beste hoffen, aber auf das Schlimmste gefasst sein, so lautet eine angelsächsische Lebensweisheit. Aus demselben Kulturkreis stammt die Formel «No risk, no fun», bei Jugendlichen beliebt, aber als Lebensmotto und Unternehmensphilosophie nicht ganz ungefährlich. In der Militärstrategie gilt es als Kunstfehler, sich ausschliesslich auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen einzustellen und die weniger wahrscheinlichen, dafür aber um so gefährlicheren auszublenden. Ein sicherheitspolitisches Leitbild, das nicht auch mit relativ unwahrscheinlichen Bedrohungen arbeitet, ist für einen Kleinstaat mit hohen Risiken behaftet, der auf eine über 700jährige Geschichte der Selbstbehauptung zurückblickt, während der sich in Europa viel Unerwartetes, ja, Unwahrscheinliches abgespielt hat. In der Betriebswirtschaftslehre wird heute ein ausgewogenes Verhältnis von Risikomanagement und Chancenauswertung propagiert und ist – je nach Branche – das Eingehen mehr oder weniger kalkulierter Risiken der Schlüssel zum Erfolg durch Pioniergeist und Innovationsbereitschaft. Gilt dasselbe auch in der Politik? Die meisten politischen Utopien der letzten Jahrhunderte haben zu totalitären Katastrophen geführt. Aus diesem Grund sehen sich wohl heute in der antizipierenden Literatur die Utopien zunehmend durch Dystopien verdrängt.

Im Dossier dieses Heftes werden die schlimmstmöglichen Szenarien aus vielen, unterschiedlichen Perspektiven unter die Lupe genommen. Keiner der Beiträge macht jedoch Alarmismus zum Programm. Im Gegenteil. Letztlich wächst in der Gefahr das Rettende nicht unbedingt deshalb, weil ausgeklügelte Gegenstrategien entwickelt worden wären, sondern weil es den meisten Menschen – aus den verschiedensten Motiven – immer wieder gelingt, jene Gelassenheit zu entwickeln, die dem worst case seinen Schrecken nimmt und gleichzeitig dem Mut für vernünftig dosierte Gegenmassnahmen zum Durchbruch verhilft.

Der Essay und die Literatur- und Sachbuchrezensionen sind – wie meistens – unabhängig vom Dossierthema. In einem weiteren Sinn zeugen sie aber alle von jenem Optimismus, der das Ziel der kulturellen Pilgerschaft des Menschen nicht in der allgemeinen Verdammnis enden sieht.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»