Editorial

«City-State Schweiz». Warum ein Anglizismus, wenn es um die Umschreibung einer Zukunftsvision geht? «Stadtstaat» ist historisch besetzt durch Städte wie Venedig, Florenz oder die griechische Polis. «Metropolitanregion» klingt für ein kleines Land wie die Schweiz zu grossspurig. «Stadt Schweiz» passt auch nicht; fliegt man über die Schweiz, dann sieht das Land aus wie ein grosses Dorf, immer wieder Grau und Rot durch die Ansammlungen von Bauten, dazwischen viel Grün durch die Wiesen, viel Blau durch die Seen, viel Weiss durch den Schnee auf den Bergen. Kein Gedränge himmelstrebender Hochhäuser, kein dichtes Gewirr von Schnellstrassen, keine Industrieüberbauungen bis an den Horizont.

«City-State» ist eine terminologische Notlösung, zu der wir noch keine bessere Alternative gefunden haben. Der Vergleich mit anderen «City-States» zeigt mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten, aber er ermutigt in erfrischender Weise zum Abschied von der Sehnsucht nach dem autarken wehrhaften kleinen Bauernvolk und nach dem Idealbild des möglichst homogenen und zentral verwalteten Nationalstaats. Einerseits spielt das Label «City-State» darauf an, dass sich die Lebensstile der Menschen weiter urbanisieren und in vielen Aspekten immer mehr aneinander angleichen, ob sie nun in der Stadt, auf dem Land oder in einem Vorort wohnen. Die neuen Medien etwa erreichen fast jeden Winkel. Anderseits verweist «City-State» auch auf die Beziehung der Schweiz zu ihren Nachbarn: eine weltoffene Schweiz, für die der Beitritt zu einem festgefügten Club von Nationalstaaten keine zukunftsträchtige Option darstellt, ein Land, das seine gemeinsamen Probleme so eigenständig und kleinräumig und so zivilgesellschaftlich wie möglich lösen will und sich damit nicht als Nachzügler, sondern als experimentierfreudige politische Gemeinschaft profiliert.

Vom Glück, wenn ohne Waffen und in freier Abstimmung ein Staat als ethnisch vielfältige Willensnation entsteht, berichtet der Beitrag über Montenegro, das im Mai dieses Jahres seine Unabhängigkeit erlangt hat. Im Mittelpunkt des Kulturteils steht das 50jährige Jubiläum des Thomas-Mann-Archivs in Zürich, einer Institution, die die grenzüberschreitende urbane Dokumentation von Kultur in schönster Weise verkörpert.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»