Editorial

 

«Modern fiat money is a bubble, as it has no explicit future payoffs,
yet people value it in exchange.»

Stephen Williamson, Wirtschaftswissenschafter, in der «Review» der Federal Reserve Bank of St. Louis (Second Quarter 2018, Vol. 100, No. 2)

 

Anfang Mai habe ich mein Bankkonto geplündert und über 90 Prozent des Guthabens gegen ein unverhältnismässig teures Auto mit verhältnismässig tiefem Benzinverbrauch eingetauscht. Es ist sicherlich nicht das Unvernünftigste, was ich in meinem Leben je getan habe; aber war es vernünftig? Das Fahrzeug wird rasch an Wert verlieren und in einigen Jahren nur noch einen Bruchteil des bezahlten Betrags wert sein. Auf der anderen Seite habe ich handfestes Eigentum erworben mit einem Nutzwert, an dem ich mich täglich erfreue.

Zeitgleich ordentlich geplündert wurde auch die Bundeskasse während der ausserordent­lichen Coronavirus-Session. Gleich am ersten Tag genehmigte der Nationalrat Kredite im Umfang von rund 57 Milliarden Franken, der Ständerat folgte am Tag darauf. Das Parlament legalisierte die Notrechtdekrete des Bundesrats nicht nur, sondern legte noch mehr Geld dazu. Zum Vergleich: 2019 gab der Bund insgesamt 71,4 Milliarden Franken aus. Nach langen Jahren disziplinierten Sparens mit positiven Abschlüssen wird das natürlich zu einem einschneidenden Haushaltsdefizit führen. Wie Ökonom Peter Bernholz 2003 feststellte, ging allen bekannten Hyperinflationen der Wirtschaftsgeschichte – seit 1914 waren es mehr als 30 – ein durch Geldschöpfung ­finanziertes übermässiges Haushaltsdefizit voraus.

Ist die Entwertung in Sicht? Während sich die Nationalbank gegen eine Aufwertung der Fluchtwährung Franken stemmt, kommen der Euro und der Dollar durch die zunehmend schrankenlosen, mit dem Gesetz in Konflikt geratenden Stützungsmassnahmen ihrer Zentral­banken immer stärker unter Druck. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat das EZB-Staatsanleihenkaufprogramm jüngst als kompetenzwidrig eingestuft und es der Bundesbank untersagt, weiter an den Beschlüssen mitzuwirken, wenn der EZB-Rat nicht innert drei Monaten erklären kann, wie das Programm zum Mandat passt. Und auch die US-Zentral­bank Federal Reserve agiert bei Wertschriftenkäufen über Zweckgesellschaften (Special ­Purpose Vehicle [SPV]) an Auflagen vorbei, die ihr der Kongress explizit gemacht hat.

«Et hätt noch emmer joot jejange», sagen die Kölner, aber auch alle, die Werte in Fiatwährungen halten. Die letzten Jahrzehnte geben ihnen recht. Euro und Dollar haben zwar gegenüber Gold an Wert verloren, sich insgesamt jedoch bemerkenswert stabil gehalten. Doch wie lange geht das gut? Heute gilt einer, der nicht mehr recht an den Wert von Fiatwährungen glaubt, als Weltuntergangsprophet, als bedauernswerter Narr. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass mein angespartes Geld auf dem Bankkonto irgendwann stark entwertet wird durch Inflation (wird es schon jetzt) oder durch Negativzinsen (die Geschäftsbanken zahlen bereits), nimmt ständig zu. Sollte plötzlich ein Bankrun einsetzen, bleibt mir immerhin noch ein Auto. Und vor einer geschlossenen Bank bin ich deutlich lieber ein Narr mit Auto als ein Narr ohne Auto.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»