Editorial

Vor einem halben Jahrhundert hat der Zürcher Germanist Karl Schmid seine «Betrachtungen zur seelischen Lage des heutigen Europa» unter dem Titel «Hochmut und Angst» herausgegeben. Unüberhörbar war seine durch die Jungsche Psychologie inspirierte Ermahnung, die Europäer müssten vor dem Einigungsprozess zunächst ihre nationalen Schatten integrieren. Nur wer im Innern eine gewisse Integrität erreicht habe, könne […]

Vor einem halben Jahrhundert hat der Zürcher Germanist Karl Schmid seine «Betrachtungen zur seelischen Lage des heutigen Europa» unter dem Titel «Hochmut und Angst» herausgegeben. Unüberhörbar war seine durch die Jungsche Psychologie inspirierte Ermahnung, die Europäer müssten vor dem Einigungsprozess zunächst ihre nationalen Schatten integrieren. Nur wer im Innern eine gewisse Integrität erreicht habe, könne sich aussenpolitisch zur grösseren Gemeinschaft verbinden. Was der Literaturwissenschafter damals im psychologischen Bereich diagnostizierte, kann heute von Finanzwissenschaftern im monetären Bereich nur bestätigt werden.

Karl Schmid hat, bei aller Skepsis gegenüber der europäischen Reife zur Integration, immerhin schon damals vorausgesetzt, dass es so etwas wie eine «europäische Seele» gebe. Dieselbe Grundannahme trifft auch der bewusst doppelsinnige Titel über dem Dossier dieses Heftes. Inspirieren und inspiriert werden kann Europa nur, wenn es sich bei aller Vielfalt als Einheit begreift, die durch gemeinsame Merkmale charakterisiert werden kann. Was uns Europäer verbindet, muss mehr sein als nur «Hochmut und Angst», mehr als die Abgrenzung gegenüber Asien und Amerika. Bei aller Vielfalt der Gesichtspunkte, die in den Beiträgen dieses Heftes zum Thema Europa Ausdruck findet, gibt es ein verbindendes Grundmotiv. Europa muss die Globalisierung nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrnehmen. Dazu gehört die richtige Mischung von Selbstbewusstsein und Selbstkritik.

Wilhelm Röpke, den wir in unserer Rubrik «Persönlichkeit» würdigen, hat in unserer Zeitschrift zwischen 1942 und 1965 über 30 Beiträge publiziert, in denen er sich immer wieder mit dem Thema Europa befasste. In einem Vortrag zum Thema «Europa in der Welt von heute» bezeichnete er 1962 Europa recht selbstbewusst als «Mutterhaus einer weltumspannenden Kultur», schloss aber mit dem Hinweis auf die Verantwortung, die uns Europäern daraus erwächst, und mit dem durchaus inspirierenden Wunsch nach mehr Selbstvertrauen, Mut und Treue zu uns selbst.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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