Edgar Oehler im Gespräch

Er war Gipser. Universitätsassistent. Nationalrat. Chefredaktor. CEO. Mit der AFG-Holding setzt Edgar Oehler mittlerweile eineinhalb Milliarden Franken pro Jahr um. Was bedeutet ihm der Standort Schweiz? Was treibt ihn an? Und was
ist seine ärgste Horrorvision? René Scheu traf Edgar Oehler in thurgauischem
Arbon zum Gespräch.

Herr Oehler, was sind Ihre Assoziationen, wenn Sie das Wort «unternehmen» hören?

Etwas zu unternehmen heisst, etwas anzureissen, in Bewegung zu setzen. Zu warten, womöglich auf ein Wunder, ist nicht die Sache des Unternehmers. Zuerst muss eine Idee dasein, eine Vision, die über die nötige Elastizität verfügt. Aus dieser Idee speisen sich Überzeugung und Kraft des Unternehmers. Nur wer überzeugt ist, kann auch motivieren. Und ein Unternehmer bleibt für die Realisierung seiner Vision auf andere Menschen angewiesen.

Das klingt so, als wären Sie eher der Unternehmertyp, der aus dem Bauch heraus handelt.

Nicht unbedingt. Die Realisierung erfolgt systematisch, Schritt für Schritt: ich formuliere ein Zwischenziel; ich lege die Mittel fest, um es zu erreichen; ich überprüfe das Erreichte mit dem Intendierten; je nachdem passe ich die Zielvorgabe an oder revidiere einzelne Aspekte der Idee. Dann beginnt der ganze Ablauf wieder von vorne.

Sie gelten als Pragmatiker. Dennoch betonen Sie, dass am Anfang nicht das Gewinnstreben steht, sondern die Idee. Ist es dieser Primat des Geistigen, das Unternehmer und Intellektuelle miteinander verbindet?

Ich kann nur von mir sprechen. Die Antwort ist Ja und Nein. Ja, weil die Idee wirklich das Movens ist. Nein, weil es

Unternehmern ganz stark um die Konkretisierung geht. Mit der Idee allein ist es nicht getan. Im Gegenteil – kann ich meine Ideen nicht umsetzen, beginne ich daran zu leiden.

Ein Autor, der ein Buch schreibt, setzt ebenfalls eine Idee um.

Stimmt. Dafür ist er jedoch nur bedingt auf andere Menschen angewiesen. Schreiben ist eine einsame Tätigkeit,

Unternehmer zu sein bedeutet hingegen auch, eine Mitarbeitergemeinschaft aufzubauen.

Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?

Manchmal entstehen sie einfach so, manchmal werden sie von Freunden und Bekannten, aber auch von Unbekannten an einen herangetragen. Jederzeit und überall kann einen ein zündender Einfall überfallen. Jederzeit – auch jetzt. Wenn dieses Gespräch gelingt, wird es auch neue Ideen generieren. Das Problem ist nur, dass man dies im voraus nicht wissen kann.

Hoffen wir mal das beste. Welches war Ihr jüngster Einfall?

Das AFG Corporate Center, in dem wir uns gerade befinden. Etwas Ähnliches schwirrte mir lange im Kopf herum, war aber nicht prioritär. Irgendwann kam ein Bauer zu mir, der Land verkaufen wollte, weil er Geld brauchte. Natürlich sagte ich nicht gleich zu, sondern bedingte mir eine Bedenkzeit aus. Die Möglichkeit, die Verwaltung aller Fabriken im Thurgauer Stammland zu konzentrieren, nahm in meinem Kopf immer klarere Konturen an. Irgendwann war mir klar: ich muss das jetzt durchziehen. Ich nahm einen Filzstift und zeichnete das Gebäude: so der Grundriss, hier die Büros, da die Tiefgaragen, dort der Weg. Ich kann die Augen schliessen und sehe alles vor mir, als wäre es eine Vision…

…«Vision» ist ein grosses Wort. Es klingt nach «Visionär»…

…nein, nein, das nicht. Was die Zukunft bringt, weiss niemand. Ich würde lieber von unternehmerischer «Weitsicht» sprechen. Wenn ich eine Fabrik baue, kaufe ich gleichzeitig Land für zwei Generationen. Das sind Investitionen, die jetzt nicht rentieren, sich aber später auszahlen. Land wird immer teurer, und die kommenden Generationen werden es mir danken und denken: Dieser Kerl war schlau und eben weitsichtig.

Gibt es über die Weitsicht hinaus ein unternehmerisches «Ethos», wie Max Weber es nannte, universale Tugenden und Verhaltensweisen, die einen Unternehmer auszeichnen?

Aufrichtigkeit, Direktheit, Bescheidenheit, Offenheit und Mut. Oder negativ formuliert: keine Mogelpackung, kein Showbusiness, kein Grössenwahn, kein Personenkult, keine Angst vor dem Risiko.

Sie sind ein Optimist.

Ich habe ein gewisses Grundvertrauen in die Welt und in die Menschen. Aber ich weiss, dass ich mich stets irren kann. Nur wer nicht handelt, macht keine Fehler. Aber nicht zu handeln ist letztlich auch ein Handeln – und aus meiner…

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