Duracellhasen im Betrieb

Das zentrale Stichwort seiner letzten Kolumne bringt Ingold erst im letzten Satz. Man könnte deshalb versucht sein, es zu überlesen. Das aber wäre ein grosser Fehler. Denn was im kulturellen Kontext «industriell» und allein deshalb «dubios» anmutet, ist ein fundamentales Problem unserer Zeit, das alle Lebensbereiche – vom Arbeitsplatz über den Medienkonsum bis zum Paarungsverhalten […]

Das zentrale Stichwort seiner letzten Kolumne bringt Ingold erst im letzten Satz. Man könnte deshalb versucht sein, es zu überlesen. Das aber wäre ein grosser Fehler. Denn was im kulturellen Kontext «industriell» und allein deshalb «dubios» anmutet, ist ein fundamentales Problem unserer Zeit, das alle Lebensbereiche – vom Arbeitsplatz über den Medienkonsum bis zum Paarungsverhalten – tangiert. Die Rede ist vom sogenannten Betrieb, einer Maschine, die gemäss Ingold dem trommelnden Duracellhasen gleichkommt, der läuft und läuft und läuft… Wohin ist unklar, spielt aber auch keine Rolle.

Der Duracellhase und der Betrieb haben gemeinsam, dass sie Geräuschemissionen verursachen. Letztlich ist der Betrieb nichts anderes als ein Teil des grossen Rauschens, das alle menschliche Aktivität begleitet. Es führt uns in die Irre, lenkt uns ab und hindert uns daran, das Wesentliche (die «Signale») zu sehen. Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen in erster Linie zwei Dimensionen des grossen Rauschens aufgezeigt: die Speicherung von unvorstellbaren Datenmengen durch die NSA, welche weitgehend aus Rauschen bestehen, und das gewaltige Medienecho, das dadurch ausgelöst wurde. Auch dieses ist weitgehend Rauschen.

Ersteres wird im allgemeinen Aufschrei der Empörung weitgehend ausser Acht gelassen. Die NSA hat einen «Data Dump» angehäuft, der per se keinerlei Wert hat. Die Vorstellung, dass sich irgendein perverser Datenanalyst über die intimen Fotos, die man unvorsichtigerweise über den Äther geschickt hat, hermacht, ist nicht nur abwegig, sondern zeugt auch von reichlicher Selbstüberschätzung. Missbräuchlich wird der Lauschangriff erst dann, wenn ungefilterte Informationen in die Hände einer böswilligen Instanz geraten, die bewusst «Data Mining» betreibt, um unbequeme Individuen zu kompromittieren. Wer die USA als «Evil Empire» abstempelt, mag so denken. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Unabhängig vom Gehalt der Enthüllungen wissen wir aber eines mit Sicherheit: die nächste Welle der medialen Brandung wird auch dieses Rauschen übertönen.

Warum ist das ein Problem? Weil Fokus und Zielgerichtetheit evolutionäre Grundsteine menschlichen Handelns sind. Dessen Sinnhaftigkeit wird durch Rauschen und Informationsüberfluss ausgehebelt. Wie kann der Wille frei sein, wenn wir in unserer Entscheidungsbildung ständig fehlgeleitet werden und auf vermeintliche Signale reagieren, die gar keine sind? Ich will nicht unterstellen, dass die «Digital Natives» ihr Recht auf Privatsphäre und Meinungsäusserung leichtfertig aufs Spiel gesetzt haben. Vielmehr ist deren Stellenwert im Sog von Statusupdates, Newsfeeds, Tweets, Snapchats und Instagram-Photos verschluckt worden. Der Schaden ist trotzdem da, auch wenn ihn die wenigsten unmittelbar realisieren. Denn das grosse Rauschen ist mit enormen Produktivitätseinbussen verbunden. Allein die Verbreitung von Tools, die Informationen sortieren, destillieren, aggregieren und kategorisieren, ist ein deutlicher Indikator dafür, wie notwendig (und schwierig) es ist, den Fokus auf das Signal gerichtet zu halten. Bei 200 E-Mails pro Tag ist mir jedes Funkloch willkommen.

Das Rauschen ist dabei nicht inhärent böse. Aber es hat allerlei unschöne und unabsehbare Konsequenzen. Regulieren oder gar aufhalten lässt es sich nicht. Alvin Toffler wies in seinem Buch «Future Shock» schon 1970 prophetisch auf den sich abzeichnenden «Information Overload» hin. Angesichts des exponentiellen Informationswachstums potenziert sich das Phänomen kontinuierlich, genau wie der Duracellhase unermüdlich weitertrommelt. Es liegt an jedem einzelnen, die Disziplin zur selektiven Wahrnehmung aufzubringen und das Irritationspotential des Rauschens auf ein Minimum zu reduzieren. Immerhin, es gibt Anzeichen für den Versuch, die Informationsflut und damit verbundene Störgeräusche einzudämmen. Die zunehmende Individualisierung von Inhalten (Netflix, HuffPost) und Produkten (Datingplattformen, NIKEiD) einerseits und die forcierte Unterdrückung von Rauschen (Spamfilter, Ad Skipping) anderseits sind eine Kampfansage an die lärmige Beliebigkeit. Im Interesse unserer Identität, inneren Stimme und Produktivität ist das bitter nötig.

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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