Dunkler als tausend Schatten

Mit dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki vor 60 Jahren sollte das Kriegsziel der bedingungslosen Kapi-tulation Japans rasch und mit einer vergleichs-weise geringen Opferzahl erreicht werden. Doch zu welchem Zweck, so die Frage im folgenden Beitrag, wurden die Bomben tatsächlich eingesetzt?

Am 6. August 1945 wirft ein US-Bomber über Hiroshima eine Atombombe ab. Das Zentrum der Explosion liegt über dem Shima-Krankenhaus im Stadtteil Saiku-Machi. Es ist 8.16 Uhr. Etliche Uhren sind zur «Stunde Null» des Atomkriegszeitalters stehengeblieben. Das ist die Geschichtsschreibung der neuen Zeit.

Weniger genau fixierbar ist die Zahl der Opfer. Von den (je nach Schätzung) 170’000 bis 282’000 Toten (bis 1950 gerechnet) sind ungefähr 50 Prozent am Tag des Abwurfs gestorben, 35 Prozent in den folgenden drei Monaten, 15 Prozent danach. Dazu kommen über 163’000 Verletzte, aber die Kette der Spätfolgen, der genetischen Schäden, ist bis heute nicht abgerissen. Der Begriff «Latenzperiode» erhält einen nicht mehr entwicklungs-, sondern destruk-tionsgeschichtlichen Sinn.

Drei Tage später, am 9. August 1945, vernichtet eine zweite Atombombe Nagasaki; hier sind «nur» 70’000 Opfer zu beklagen.

Zwischen diesen beiden Tagen, am 8. August 1945, wird die Charta des Internationalen Nürnberger Militärtribunals verabschiedet, die erstmals juristisch den Begriff «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» formuliert. Der Philosoph Günther Anders, öfters als das «Gewissen des Atomzeitalters» zitiert, hat dieses Datum in dieser zeitlichen Nachbarschaft das «monströseste Datum» der Weltgeschichte genannt. Darüber mag man uneins sein, schwer ist indessen zu bestreiten, dass die Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki nicht ausschliesslich wegen ihrer quantitativen Dimensionen «monströs» ist. Die «Antiquiertheit des Menschen» (Günther Anders), der Riss zwischen Gewissen und Wissen, zwischen Seele und Apparat ist nur noch in Auschwitz so deutlich geworden wie hier. Die «Banalität des Bösen» hat in der Abnormität des Guten ihr Pendant gefunden.

Hiroshima ist zwar nicht das Auschwitz des Atomkriegszeitalters. Dazu fehlt viel. Das sollten gerade die Nationen nicht vergessen, die zunehmend gerne die Kriegsverbrechen gegeneinander ausspielen. Aber der Feuerball, der «heller als tausend Sonnen» über Hiroshima aufging, hat einen gigantischen Schatten auf das Ende des Krieges geworfen. Wie die jüngsten Auseinandersetzungen in den USA über das hier richtige Erinnern gezeigt haben, ist die Öffentlichkeit des Siegerlandes mehr denn je über ihr atomares Trauma tief zerstritten. Vergegenwärtigt man sich die Geschichte der Bombe, ist das nur folgerichtig. Seit Hiroshima und Nagasaki «strahlt die Erde im Zeichen triumphalen Unheils» (Adorno/Horkheimer, «Dialektik der Aufklärung»).

I. Die Bombe – das kleinstmögliche Übel?

«Manhattan-District» war der Deckname des streng geheimen Projekts, in dem seit September 1942 unter der Gesamtleitung von Generalmajor Leslie R. Groves etwa 150’000 Männer in den Laboratorien von Los Alamos (Leitung Robert Oppenheimer) und Chicago (Leitung Arthur H. Compton), in den Uran- und Plutonium-Fabriken von Oak Ridge und Hanford, auf dem Versuchsgelände von Alamogordo und der Wendover Air Force Base zum Zweck der Herstellung und des Einsatzes von Atomwaffen zusammenarbeiteten. Die Zielsetzung des Projektes war defensiv und präventiv: dem nationalsozialistischen Deutschland mit seinem anfänglichen Vorsprung in der physikalischen Forschung und seiner unzweifelhaften Bereitschaft zu einem gegebenenfalls auch atomaren «totalen Krieg» sollte zuvorgekommen werden.

Mit dem 8. Mai 1945 war dieser Zweck indessen hinfällig geworden, und etliche Wissenschafter, wie etwa der bedeutende ungarische Physiker Leo Szilard, hatten Zweifel, ob die neue schreckliche Waffe auch gegenüber Japan ein legitimes Mittel sei. Die Erinnerung an den Überfall auf Pearl Harbor und andere japanische Kriegsverbrechen sowie der erbitterte Inselkrieg im Pazifik sorgten allerdings dafür, dass Überlegungen dieser Art kein grösseres Gewicht bekamen.

Auch als im Sommer 1945 das «Manhattan»-Projekt Bombengestalt annahm, zugleich aber mit der Eroberung von Okinawa und Iwo Jima ein endgültiger konventioneller Sieg über Japan näherrückte, fehlte es nicht an Argumenten, die für den Einsatz der Atombombe zu sprechen schienen. Auf japanischer Seite zeichnete sich unter dem Diktat der militanten «Falken», mit deren Putschbereitschaft auch die friedenswilligen Teile der Regierung zu rechnen hatten, zunächst keinerlei…

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