Du sollst mich nicht vergessen, das verlange ich nicht

2006 gab Sibylle Berg, die die Tinte ihrer durchaus uferlosen Menschenliebe durch eine angenehm spitze Feder fliessen lässt, einen Band mit Abschiedsbriefen von Frauen heraus: «Und ich dachte, es sei Liebe». Ein Band voller Überraschungen, in dem eine unerwartet lebenslustige Sylvia Plath zu lesen ist, neben anderen Ikonen der (Literatur-)Geschichte wie Simone de Beauvoir, Königin […]

2006 gab Sibylle Berg, die die Tinte ihrer durchaus uferlosen Menschenliebe durch eine angenehm spitze Feder fliessen lässt, einen Band mit Abschiedsbriefen von Frauen heraus: «Und ich dachte, es sei Liebe». Ein Band voller Überraschungen, in dem eine unerwartet lebenslustige Sylvia Plath zu lesen ist, neben anderen Ikonen der (Literatur-)Geschichte wie Simone de Beauvoir, Königin Elizabeth I. oder Alma Mahler-Werfel – und einige unserer unbekannten Zeitgenossinnen, die daran erinnern, dass Liebesgeschichten keineswegs nur der Fiktion angehören, und ihr (meist trauriges Ende) erst recht nicht. Damit auch die Herren zu ihrem Recht kommen, erschien zwei Jahre später «Das war’s dann wohl» – ein Band mit Abschiedsbriefen von Männern. Bemerkenswert ist, dass die Gattungsgrenzen aufgehoben wurden; hier nehmen die Männer also nicht ausschliesslich Abschied von der – oder dem – Geliebten, sondern auch von «Zeug», oder gleich vom Leben.

Bei näherer Betrachtung erweist sich die Rubrik «Zeug» allerdings als irreführend. Zwar widmet dort ein Mann seinem Auto ergreifende Abschiedsworte, oder wendet sich der Dichter Moritz Rinke an das Informationsamt der Bundesregierung, um sich ganz nebenbei «vom Glauben an den Rechtsstaat» zu verabschieden, doch die meisten Briefe gelten Lebewesen, sei es das Meerschweinchen Molly, dem Raphael Gygax in sehr jungen Jahren ein zeichnerisches Denkmal setzte, sei es Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, dem Oskar Lafontaine 1999 sachlich-bündig seinen Rücktritt als Bundesfinanzminister mitteilt.

Andere Briefeschreiber wenden sich an Lebende, bevor sie aus dem Leben scheiden, das als Adressat nicht so recht zu fassen ist. Hier finden sich berühmte Zeugnisse: die letzten Worte Heinrich von Kleists, Kurt Tucholskys oder Stefan Zweigs, aber auch einer der schönsten Liebesbriefe, der Abschiedsbrief des dänischen Seemanns Kim Malthe-Bruun, der im Frühjahr 1945 als Widerstandskämpfer von der SS zum Tod verurteilt und erschossen wurde. Allein schon deswegen lohnt sich der ganze kunterbunte Band, in dem auch Geschliffenes von Baudelaire, Erschütterndes von Edgar Allan Poe, Nüchternes von Tolstoi oder Ernüchterndes von F. Scott Fitzgerald steht.

vorgestellt von Patricia Klobusiczky, Berlin

Sibylle Berg: «Das war’s dann wohl. Abschiedsbriefe von Männern». München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2008

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»