Dreitausend Aquarelle im Hinterhof

Der Maler Willi Facen

Dreitausend Aquarelle im Hinterhof

Eine Gasse in der Altstadt von Zürich. Zu Stein und Ziegel geronnene Zeit. Kopfsteinpflaster. Im Untergeschoss der Häu-ser kleine Geschäfte, in den Auslagen Mode, Handarbeit, Design. Weiter vorne weitet sich die Gasse zu einem kleinen Platz, die Restaurants haben Tische auf die Strasse gestellt. Kurz davor, zwischen zweien der kleinen Geschäfte, ein hohes Tor mit einer Holztür. Ein grosszügiger Durchgang, am Ende ein Hof. Unter den Füssen glänzen matt die zu Ornamenten gelegten faustgrossen Kiesel, an den Wänden ranken Efeu und Wein. Dann ein Garten, so überraschend gross, so überra-schend dicht, dass die Häuser rundherum in Vergessenheit geraten. Windschiefe Bäume, manche müssen hier schon halbe Ewigkeiten stehen, ihre Wurzeln buckeln gegen die Grasnarbe. Ein Sitzplatz unter ausladenden Ästen. Oleander in ver-schiedenen Farben, die Clematis fingert einem Mäuerchen entlang, der Rosmarin streckt sich lang gegen das Licht, aus Tontöpfen fallen Blüten.

Verborgen hinter der Geschäftszeile, am Rand dieses Gartens, liegt der ehemalige Kirchraum der Wiedertäufer. Hier befindet sich seit einem halben Jahrhundert das Atelier von Willi Facen. Es besitzt keine Fenster, dafür ein Oberlicht, das Glas dunkel gefleckt durch die Flechten, mattgeworden mit der Zeit. Die Wärme des Ölofens ballt sich in der Mitte des hohen, weiten Raums. Eine Barockuhr, schwarzes Holz mit vergoldeten Verzierungen, gibt der Stille ihren dunklen Takt. An den Wänden hochformatige Aquarelle, sorgsam wie zu einer Patience aufgehängt. Hunderte von Skizzen, Postkarten, Photographien, alten Drucken. Aus einer Ecke schneiden Marionetten Fratzen. Im Hintergrund, dort wo der Altarraum gewesen sein muss, das anderthalb Meter hohe Aquarell einer Arche, ihr Inneres wie seziert. Rechts davon das Aquarell einer liegenden Frau, mit nichts als schwarzen Strümpfen bekleidet, die bis zur Mitte der Oberschenkel hochgezogen sind. Auf einem der vielen

Tische ein Getümmel benutzter Farbtuben, Kreiden, Pinsel, Tiegel, Flaschen. Am Boden ein Armvoll leerer Weinflaschen. Und was ist das hier? Ein alter Projektionsapparat, der Film mit Charlie Chaplin noch eingelegt, vor rund

90 Jahren flackerte er bei öffentlichen Aufführungen im Freien über Hausmauern. Kein Winkel in diesem Raum ohne Dinge, kein Fleck ohne Bilder. Über dreitausend Aquarelle stapeln sich in mehreren Stössen auf den ausgeblichenen Perserteppichen. Noch nie wurden sie in einer grösseren öffentlichen Sammlung gezeigt.

Bild um Bild in die Hand nehmen. Vergangenes in die Gegenwart holen, die doch auch im selben Moment schon wieder zerronnen ist. Er könne die Vergänglichkeit nicht begreifen, sagt der Maler, setzt sich auf das abgenutzte

Kanapee, das auf Dielen steht, die das ehemalige, im Boden eingelassene Taufbecken abdecken. Fünf Tage habe das Sterben seiner Mutter gedauert. Immer wieder sei er in sein Atelier gekommen. Die acht Bilder, die in dieser Zeit ent-standen, seien für ihn das Kostbarste, was er habe; nie wieder sei er der Wahrheit so nahe gewesen. Diese Ohnmacht, die Zeit nicht anhalten zu können! Nein, er könne und er wolle die Vergänglichkeit nicht begreifen. Und im Schweigen tickt dunkel die Uhr.

Und diese Bronzefigur vor dem Eingang? Dieser sitzende, nackte Jüngling, den Kopf in Denkerpose abgestützt und dennoch abgerutscht im Schlaf, das Bein weit ausgestellt, um nicht die Balance zu verlieren? Sein Grabstein sei das, schon vor vielen Jahren nach der Form eines Schülers von Maillol gegossen.

Willi Facen ist stur. Lässt er doch, wenn es kritisch werden könnte, sein Hörgerät zu Hause. Und scherzt, in Zukunft werde er ein Hörrohr mitnehmen, wie er es erst kürzlich bei einem Antiquitätenhändler gesehen habe, um es bei Bedarf der Welt demonstrativ entgegenzuhalten. Dieser ebenfalls stur sich weiterdrehenden Welt.

Sturheit ist es auch, wenn er sagt, er kümmere sich nicht ums Zeitgemässe, nicht um die Entwicklungen nach der klassischen Moderne, wie er sich auch nie um den Verkauf seiner Bilder bemüht habe. Sein…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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