Dreihundertdollarsandwiches

«Singapur ist teuer», warnte ich ihn schon am Telefon. Mein Schweizer Freund lachte und meinte, dass es wohl teurer als zwischen Basel und Chiasso kaum sein könne. Er sollte sich bös irren. Als er kam, zeigte ich ihm den Wasser speienden Merlion und die anderen Wahrzeichen der Stadt, unter anderem spazierten wir durch den Botanischen Garten. […]

«Singapur ist teuer», warnte ich ihn schon am Telefon. Mein Schweizer Freund lachte und meinte, dass es wohl teurer als zwischen Basel und Chiasso kaum sein könne. Er sollte sich bös irren.

Als er kam, zeigte ich ihm den Wasser speienden Merlion und die anderen Wahrzeichen der Stadt, unter anderem spazierten wir durch den Botanischen Garten. Wir kauften uns Sandwiches für den Weg – neun Dollar pro Stück. Mein Kollege räusperte sich zuerst, zuckte dann ob des Preises aber demonstrativ die Schultern.

Das Schild am Eingang versprach uns unter anderem Enten in allen Farben und Formen. Es war das einzige Schild, das uns interessierte, denn in einem Land, wo jede Blume und jede Strassenlaterne beschildert ist, lernt man über die bunten Tafeln bald hinwegzusehen. Wir genossen den Sonnenuntergang am Teichrand und dabei unsere Sandwiches. «Schau mal, diese dort!», rief er plötzlich und fuchtelte mit dem halben Sandwich vor den Gitterstäben des Geheges herum. Eine so schöne Ente hatten wir tatsächlich noch nie gesehen. Er riss das angefangene Brot in Stücke und warf sie ins Wasser. Die Ente schnappte enthusiastisch nach den Krumen, die ihr entgegenflogen – bald taten es ihr die anderen Bewohner des Teiches gleich. Mein Freund war fasziniert und hatte die achtzehn Dollar für die Sandwiches gerade wieder vergessen, als hinter uns ein lautes «Excuse me!» ertönte.

Als wir uns umdrehten, stand eine Polizistin mit dem aufgeschlagenen Vorschriftsbuch des Botanischen Gartens vor uns. «Entenfüttern verboten», hiess es unter Paragraph 23. Mein Freund wandte ein, dass wir das ja nicht hätten wissen können. «Stand auf einem der Schilder am Eingang», sagte die Dame trocken und hielt uns einen Bussenbescheid über 300 Dollar hin. Ich überschlug im Kopf: das machte dann dreihundertachtzehn Dollar für zwei Sandwiches. «Singapur ist teuer», erinnerte ich mich an meine eigenen Worte. Und ja, wir zahlten – denn sonst hätte man wohl uns bald schnatternd hinter Gitterstäben bewundern können.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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