Dort

Es ist ein gewöhnlicher Donnerstag, als der Ich-Erzähler aus Niko Stoifbergs Kurzgeschichte auf der Strasse jener Frau begegnet, auf die er sein ganzes Leben gewartet hat. Was als Liebesgeschichte anfängt, endet in einer Katastrophe.

Dort

Es ist Donnerstag, der 12. August 1999. Träume ich? Ich will gerade aus dem Haus, und davor steht – direkt vor mir – die Frau, die ich seit Jahren suche. Suchen ist das falsche Wort; ich wusste nicht, dass ich sie suchte, wusste nicht, dass es sie gibt – und weiss doch auf den ersten Blick, dass ich auf sie gewartet habe, nur auf sie, genau auf sie. Im Traum ist alles plötzlich klar, im Traum, da gibt es keinen Zweifel, ist die Wahrheit wie ein Fieber, fällt uns an und schüttelt uns. Im Traum, da ist die Wahrheit plötzlich da, man kann sie nicht ergründen, nur erfahren, nur erleiden. Da, die Wahrheit: diese Frau. Sie ist es, sie hat mir gefehlt; ich brauche bloss eine Sekunde, um das zu begreifen – die Sekunde, die sie zu mir aufschaut, sich die Schuhe schnürt, die weissen Trimm-Trabs, auf dem Treppenabsatz, eine Armlänge vor mir. Sie trägt ein weisses Kleid, ein weisses, kurzes Kleid aus Frotteestoff. Ich schrecke auf, mehr noch als sie, lasse die Klinke gleiten. Krachend fällt die Tür zurück ins Schloss. Was jetzt? Mir ist, als ob man mir ein dunkles Tuch umbände; mir wird schwarz, ich muss mich niedersetzen, auf den speckig kalten Stein.

Was jetzt? Ich wollte lesen gehen, hab das Buch in meiner Hand. Ich schlag es auf und wieder zu; zu dunkel hier im Vorhaus, und ich hab die Sonnenbrille auf. Ich fasse mir ein Herz, trete zur Tür und öffne sie noch mal, vorsichtig, spaltbreit: Sie ist weg. Ich trete vor das Haus, schaue die Gasse rauf und runter – nichts. Ich renne auf den Platz raus, stolpere, verliere meine Brille, heb sie auf und renne weiter, um die kleine Kirche rum. Die Sonne schlägt mir ins Gesicht. Ich seh erst nichts, dann viele Leute, und dann, endlich, ihren Umriss: Ja, das ist sie, an der Ampel. Sie trägt irgendetwas Schweres, etwas zieht an ihrem Arm, sie trägt oder – sie hält ein Kind.

Die Ampel schaltet um auf Grün. Sie zieht das Kind mit sich, in Richtung See. Spaziergang. Ja, ein Kind.

Ich halte an und atme durch. Ich zögere – was mach ich hier? So was hab ich noch nie getan. Es ist, als wäre ich ausser mir, als würd ich träumen, immer noch. Ich laufe keinen Frauen nach, schon gar nicht, wenn sie Kinder haben. Wenn schon, ist es andersrum: Sie laufen mir nach, das kommt vor. Ich habe schwarze Haare, blaue Augen, das ist ziemlich selten. Schwarz und blau, das zieht sie an, das wirkt und reicht dann in der Regel, viel muss ich da nicht mehr tun. Nur diesmal – diesmal ist es anders. Diesmal muss es anders sein. Sie hat mich schon gesehen, doch, hat zu mir aufgeschaut, das schon. Doch – was? Was war? Die Sonnenbrille. Meine Brille hatt’ ich auf. Das war’s, die blöde Sonnenbrille. Sie hat mich nicht sehen können. Jetzt muss ich ihr nach. Ich muss. Mir bleibt jetzt gar nichts anderes. Ich geb mir eine Stunde Zeit, so lange, wie ich lesen wollte.

Wo sind sie? Aha, da vorn. Die Ampel ist schon wieder rot. Sie zieht das Kind mit in die Menge, die den Quai bevölkert. Ich muss warten, schaue ihnen nach. Zum Glück ist sie sehr gut zu sehen, in dem strahlend weissen Kleid, die goldenen Haare hochgesteckt.…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»