Dompteur der Klebebänder

Der Künstler Nic Hess

Dompteur der Klebebänder

Klebebänder können einen zur Verzweiflung bringen. Meist kleben sie nicht dort, wo sie sollen. Sondern an den Fingern, an der Kleidung, an der Schere, aber sicher nicht in gerader Führung – einmal längs, einmal quer – auf dem Boden der Umzugskiste aus Karton, der durch sie eigentlich zusammengehalten werden sollte. Auf dem Höhepunkt der Verweigerung tendieren sie dazu, sich in sich selbst zu verkleben. Sich einen Dompteur dieses klebrigen Zeugs vorzustellen, kann daher tröstend sein. Denn solche Menschen gibt’s, und einer unter ihnen ist gar ein Ästhet.

Nic Hess sammelt Klebebänder, lässig über die Finger und Arme gestülpt oder vor sich herrollend; sie existieren ja in allen erdenklichen Grössen. Sie müssen überallhin mit, wohin er eingeladen wird – sei es ins Kunsthaus Zürich, ins Haus der Kunst in München, in die Fondazione Bevilacqua in Venedig, aber auch weiter weg in die Casa del Lago in Mexiko-Stadt oder in das Queens Museum of Art in New York. Diesen Monat ist Nic Hess mit ihnen ins Hammer-Museum Los Angeles unterwegs. Im Gepäck dabei hat er übrigens auch Klebefolien, deren traumatisierendes Potential das Niveau der Klebebänder spielend erreicht.

Auf Nic Hess’ Wegen bleiben die Insignien der globalisierten Welt an den Bändern und Folien kleben. Insbesondere Logos und Markenzeichen, Signets und Embleme gehen ihm auf den Leim, von Finanzinstituten und Hilfswerken, von Sportartikelherstellern und Lebensmittelketten. Mit dieser Entourage in den Museen, Galerien, Kulturinstituten, aber auch Privathäusern und Industriekomplexen angekommen, verklebt Nic Hess seine Bänder und Folien zu grossen Erzählungen, wie andere Künstler Linien zeichnen und Flächen malen. Wand- und deckenfüllend, treppenhausdurchwandernd, die Fenster kreuzend, bis in die Schornsteine kriechend. Die unterwegs eingefangenen Logos und anderen Zeichen finden sich, miteinander versöhnt und verbrüdert, an allen Ecken und Enden. Daher hat Nic Hess weltweit nicht nur den Ruf, Meister der Klebebänder zu sein, sondern auch Meister der Logos.

Doch Nic Hess kann noch mehr, er kann auch erstaunlich gut singen und tanzen. Als der «fabulous Hermeto zé Maria, every woman’s darling» – so verkünden es die Plakate – ist er oft mit der Band Frankie Sinatra und Tony Carbone unterwegs. Und tanzt dann auf der Bühne zu «To say the things he truly feels. And not the words of one who kneels… I did it my way…».

Nun, da sich seine künstlerische Arbeit mit dem Klebezeugs und den Markenzeichen als ein eigenes Markenzeichen etabliert hat, beginnt ihn sein Erfolg ein wenig, ja nennen wir es doch beim Namen, auch wenn er es selbst nicht so ausdrücken mag: einzuengen und zu langweilen. «I did it my way», gewiss. Doch wer will schon gern zum Logo erstarren?

Glücklicherweise wäre Nic Hess nicht Nic Hess, wenn für ihn nicht auch gälte: «I’m gonna do it my way – evermore». Und daher greift er jetzt häufiger als früher zu Pinsel und Zeichenstift und hat damit begonnen, Skulpturen zu schaffen. Man munkelt, aus den Resten ineinanderverknäulter Klebebänder. Doch warten wir es ab. Nic Hess hat ja noch sein halbes Leben vor sich.

Nic Hess, geboren 1968 in Zürich, besuchte nach einer Ausbildung zum Hochbauzeichner die Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Er reiste viel, in die USA, nach Mexiko, Guatemala und Tibet. In Tibet entwarf und baute er 1997 ein Kinderheim für das Kinderhilfswerk Tendol Gyalzur, in allen anderen Ländern klebte und zeichnete er Installationen. Seit einigen Jahren pendelt er zwischen Los Angeles und Zürich. Wo er einst sesshaft werden wird, ist noch ungewiss. Ab 2010 ist in Genf, an der Plaine de Plainpalais, eine seiner Installationen für 10 Jahre zu sehen. Wer ihn gern singend und tanzend erleben möchte, der verfolge die Tournee der Band «Frankie &Tony».

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»