Dominoeffekt aus Deutschland?

Der deutsche Bankensektor lebt von der Substanz und haftet an veralteten Modellen. Das könnte zu einem Problem für ganz Europa werden.

 

In der ganzen Welt häufen sich die Gegner des Kapitalismus, gleichzeitig erleben wir einen in demokratischen Zeiten nie dagewesenen Staatsinterventionismus und eine enorme Politisierung des globalen Handels. Zudem gefährden Gratiskredite die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen, aber auch der traditionellen Banken und der in Deutschland immer noch wichtigen Sparkassen. Da verwundert es schon, wenn Mario Draghi kurz vor seinem Abgang Alarm schlägt und der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) vor einer Überhitzung des Immobilienmarktes in Deutschland warnt, war es doch seine lockere Geldpolitik, die genau dazu beigetragen hat. Das erinnert mich als in Spanien lebende deutsche Ökonomin enorm an die Zeiten der Immobilienkrise. In meiner 2015 veröffentlichten Doktorarbeit warnte ich bereits davor, dass Deutschlands Bankensystem reformbedürftig sei und schon bald schlechter dastehen werde als das spanische. 

Der Fluch des billigen Geldes 

Es war damals die zu lockere Geldpolitik und Niedrigzinsstrategie der EZB, die zur Blasenbildung in vielen Bereichen der spanischen Wirtschaft führte. Allerdings wurde aus den Fehlern der südeuropäischen Verschuldung nicht genug gelernt. USA, China, Japan, Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Italien und Spanien kommen aktuell nach einer Studie des IWF auf Unternehmensschulden von 51 Billionen US-Dollar. Das ist deutlich mehr als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, als es 34 Billionen Dollar waren.

Die Lage wird eher noch brenzliger werden, da das Ende des Chinabooms die Firmenbilanzen belastet: Bei den 70 grössten deutschen Unternehmen gemäss Umsatz brachen die Nettogewinne 2018 um 17 Prozent auf 86 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr ein. Die weiteren Aussichten sind alles andere als rosig. 

Der Dienstleister Creditreform sieht ein Problem, wenn die Schuldentilgungsdauer als Verhältnis von Verbindlichkeiten und Cashflow elf Jahre übersteigt. 22,6 Prozent der untersuchten deutschen Unternehmen weisen ein derart ungünstiges Verhältnis auf, die meisten davon kommen tatsächlich aus dem Baugewerbe und Handel. Deutschland ist damit in die Konsum- und Baufalle getappt, die Spanien zu unvorsichtigem Verhalten in jeder Hinsicht und auch zur Korruption verführte. Schon Benjamin Franklin schrieb im 18. Jahrhundert, dass wer Überflüssiges kaufe, sich irgendwann gezwungen sehen würde, das Notwendige zu verkaufen. Das können wir nun bei grossen deutschen Konzernen wie unter anderen ThyssenKrupp, Bayer, BASF und Osram beobachten. 

Der Ruf geschädigt, das Bankensystem schwach 

Während Spanien und Portugal ihre Hausaufgaben gemacht haben, hat Deutschland sich im Erfolg gesonnt und wichtige Reformen verschlafen, vor allem in seinem Banken- und Sparkassensystem.1 Neben Konsumschulden kämpfen die Menschen zunehmend mit den durch den Immobilienboom entstandenen hohen Mietpreisen. Gemäss dem Portal Immowelt sind die Kaufpreise für Gebrauchtwohnungen in Deutschland allein von 2016 bis 2018 im Durchschnitt von 2240 Euro pro Quadratmeter auf 2710 Euro gestiegen. Auch wenn die Verschuldung lange nicht so hoch ist wie in Spanien vor zehn Jahren, könnte Deutschland angesichts einer sich verschlechternden Weltwirtschaft und seiner hausgemachten Probleme in eine ähnliche fundamentale Wirtschaftskrise schlittern wie Südeuropa vor zehn Jahren. Dabei kommt ein Element hinzu, das bei der spanischen Krise keine Rolle spielte: In den letzten 10 Jahren verzehnfachte sich der Nominalwert aller ausstehenden ausserbörslichen Derivatkontrakte, der sogenannten OTC- (Over the Counter) Geschäfte. Deutschland ist besonders stark betroffen, wenn es hier erneut wie bereits vor zehn Jahren zu einem dominoartigen Zusammenbruch kommt. 

In Kombination mit einer nie dagewesenen Niedrigzinsphase, einer verdeckten Inflation und einer weltweiten enormen Verschuldung der Staaten könnten die Folgen für uns alle unter dem Druck des Klimawandels erneut im Dominoeffekt enden. Der Hebel dafür könnte zum Beispiel die nächste Pleite einer systemischen Bank sein. Dabei stehen derzeit die Deutsche Bank und das deutsche Bankensystem im weltweiten Fokus. Gemessen an der Bilanzsumme liegt die Deutsche Bank weltweit immerhin auf Platz 15 und in Europa auf Platz 4. Doch in den letzten vier Jahren hat die Deutsche Bank 70 Prozent ihres Börsenwertes verloren und hat es anders als die amerikanischen Banken nicht geschafft, ihr Geschäftsmodell zu erneuern bzw. das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Der Fall der Deutschen Bank könnte zu Deutschlands Falle werden. Mögliche Fusionen, auch mit der heimischen Commerzbank, scheiterten bisher. Bleibt nur noch die Abwicklung? 

Ist die Krise die Lösung für Deutschland? 

Ein Blick zurück ins Jahr 2008 nach Spanien könnte Deutschland helfen, noch schnell das Steuer herumzureissen, bevor es zum Schlimmsten kommt. Erst als die US-Finanzkrise die Luft aus dem letztlich nicht nachhaltigen Bauboom in Spanien herausliess, kam es zu einer Gesundschrumpfung auch im Bankenwesen. Die Anzahl der Kreditinstitute in Spanien in den letzten zehn Jahren halbierte sich auf rund 250, in Deutschland ist die Zahl nahezu unverändert. Noch immer tummeln sich dort 2029 Kreditinstitute im Markt, inbegriffen ausländische Niederlassungen, die fünf Landesbanken und die rund 350 verschiedenen Sparkassen, die insgesamt 38 225 Filialen betreiben, gemäss Angaben des Deutschen Bankenverbandes. 

Sollte die gerade diskutierte Fusion zwischen der Sparkassen-Tochter Dekabank und der Landesbank Helabank wirklich abgeschlossen werden, wäre das für Deutschland ein erster Schritt zur Konsolidierung des Bankenmarktes und zur Schaffung eines neuen Spitzeninstituts. Die Dekabank ist Spezialist für Wertpapiere, die Helabank bei der Kredit- und Projektfinanzierung. Sie könnten in Sachen Effizienz von Spanien lernen.  

Auf eindrucksvolle Weise haben die Banken dort gezeigt, dass auch in Zeiten staatlicher Austerität Geld verdient werden kann. Zugegebenerweise waren sie mit Effizienzraten (Kosten-Ertrags-Verhältnis) zwischen 35 und 45 Prozent schon vor der Krise weitaus besser aufgestellt als ihre deutschen Wettbewerber. Sie haben dann in den heimischen schwierigen Jahren ihre Geschäfte weiter expandiert und sind effizienter geworden. Von oben wurde eine Konsolidierung und Abwicklung des von systemischer Korruption durchzogenen Sparkassensektors durch Notenbank und Politik angeordnet. Heute gibt es nur noch zwei Sparkassen. Die BBVA und Santander, inzwischen Weltbanken, haben in Lateinamerika vorgemacht, wie ausländische Wettwerber erfolgreich geschluckt werden, indem das eigene Branding und das IT-System angepasst werden. So wurde die heute zweitgrösste spanische Bank BBVA im Jahr 2000 durch den Zukauf von Argentaria auf dem heimischen Markt sowie durch die Fusion mit der Bancomer in Mexiko zum jeweiligen Marktführer. 

In Deutschland will dagegen niemand am Dreisäulenmodell rütteln, das die deutsche Bankenlandschaft streng in private, öffentlich-rechtliche und genossenschaftliche Banken teilt. Kein Wunder: Sparkassen und Landesbanken kontrollieren mehr als ein Drittel des Bankenmarktes. Aber auch diese sollten erkennen, dass die Kultur sich gewandelt hat und junge Deutsche lieber Diba oder N26 per Handy besuchen, als in die Filiale zu gehen. Der Bundesgerichtshof hat Kreditinstituten zudem gerade den Rücken gestärkt, dass sie teure Sparverträge ihrer Kunden auflösen können. Die Sparkassen machen davon gerade massiv Gebrauch, was viele Kunden für immer verschrecken dürfte, solche Verträge abzuschliessen. 

Deutschland muss einen Neuanfang wagen

Auf Dauer muss Deutschland deswegen sein gesamtes Bankensystem überdenken. Die Sparkassenkultur sollte erhalten bleiben, aber die Institute sollten unabhängiger, durch Fusionen schlagkräftiger und freier agieren können. Die Landesbanken waren bisher die Hausbanken der Länder und gehören zum Schutzverbund der Sparkassen. Wegen der starken Politisierung und ihrer vereinzelt schwierigen Lage sollte dem spanischen Beispiel gefolgt werden und ihre Funktion als Hausbank des jeweiligen Bundeslandes aufgelöst werden. Sie sollten stattdessen mit ihrer Struktur und Teilen ihres Personals in neue Konzepte der Sparkassen aufgehen, wie das jetzt mit der Helaba versucht wird. Da Landesbanken immer mehr wie private Banken agieren, sollten sie auch so funktionieren. Damit wäre das Dreisäulensystem dann aber auch zerstört, aber langfristig wäre das auch das Beste für die Stabilität des deutschen Bankensystems.

  1. Stefanie Claudia Müller: Cajas, Bancos y gestión de riesgo en España y Alemania. 1996–2013: ¿Por qué sin ética no hay estabilidad financiera? (CreateSpace, 2016).

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Managing Partner bei smartcut consulting,
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