Dösen

Es ist fünfundzwanzig Minuten nach zwölf. Eine gute halbe Stunde bleibt, bis der Polier durch die Finger pfeift.

Ich muss nicht lange herumsuchen. Gleich da kann ich mich hinlegen; der Bretterstapel ist breit genug. Zwar würde mir der Platz drüben am Waldrand besser gefallen. In den Lärchennadeln liegen, mitten im federnden Fussweg sich ausstrecken und hinaufsehen in die Kronen, das wär’s. Eine Sache für Buben, sagt Helen.

Bub! hat sie heute morgen gerufen, als sie mir ans Auto nachgelaufen kam und das Militärmesser brachte. Ich hatte es in der Wanderhose vergessen. Ein Bub, sagt sie, hat ein Messer in der Tasche.

Sie weiss, dass ich gern Scheibe um Scheibe vom Fleischkäse schneide, die Scheiben mit der Klinge aufspiesse und in den Mund schiebe. Ohne Messer macht mir das Essen keinen Spass. Gabeln kann ich ohnehin nicht leiden.

Und den Dosenöffner brauchst auch, hat sie gesagt. Einen Buben ohne Dosenöffner würde ich nie heiraten. Sie lachte. Jeden Morgen macht sie mich mit ihrem Lachen verrückt. Dabei sind wir seit vier Jahren verheiratet. Den ganzen Tag kann ich das Lachen nicht vergessen, ich trag’s mit mir herum. Nur gut, dass man mir nichts ansieht. Und ich spüre es, dieses Lachen. Hier, auf der Haut, auf dem Oberarm, unterm Hemd. Auf dem Handrücken spüre ich’s und auf den Fingern. Ich gehe nicht hinüber in den Wald. Kaum hat man sich ausgestreckt, krabbeln die Ameisen auf einem herum, grosse, sperrige Tiere, und verbeissen sich in einen. Zum Schlafen jedenfalls kommt man nicht. Der Bretterstapel ist besser. Mit der Jacke unterm Kopf lässt sich’s hier aushalten. Man kann die Ellbogen abstützen, Platz ist da, und man kann den Daumen zwischen Gürtel und Hosenbund klemmen. Nichts stört mich. Die leeren Konservenbüchsen habe ich weggeräumt: Fleischkäse und Apfelmus.

Ich habe hastig gegessen. Das Apfelmus war wieder zu kalt. Seitdem es Apfelmus in Dosen gibt, esse ich’s zu kalt. Ich lege die Dose in den Brunnen, genau unter den Strahl, und vergesse sie. Am Mittag, wenn ich sie hole, mag ich nicht warten, bis die Sonne das Mus aufgewärmt hat. Und zudem: was ist warmes Mus! Helen meint, ich werde mir ein Magengeschwür anessen. Dreimal in der Woche dasselbe, sagt sie, und immer eiskalt, das kann nicht gut kommen, im Magazin hast einen Ofen, könntest es wärmen lassen; aber nein, zum Fleischkäse, zur Blutwurst, zur Leberwurst immer dein Apfelmus. Dein Bauch ist der reine Eisberg, sagt sie. Aber sie lacht dabei, natürlich.

Ich liege. Und ich spüre das Mus. Seine Kühle dehnt sich aus in mir, die Ränder der Kühle wandern. Ich spüre sie unterm Hosenbund, rund um den Nabel spüre ich sie und in den Seiten. Der Rücken ist warm von den besonnten Brettern. Die Luft über mir ist warm. Die Sonne brennt auf mich. Oben und unten ist die Wärme, und dazwischen liege ich wie ein kalter Schnitz.

Nein, das ist zuwenig gesagt, Schnitz ist zuwenig gesagt. Das ist viel grösser. Ein See ist das, ein Bergsee, mit schmelzenden Eisbrocken in der Mitte.

Man kann den Ufern dieses Sees nachgehen, auf schmalen Wegen, an Blöcken vorbei, an Heidelbeerbüschen vorbei, man kann zum Wasser hinknien und sich die Arme waschen, man kann den zipfeligen und zerfransten Ufern folgen, über den Tränkeplatz hin, man kann stehenbleiben. Die wassergefüllten Stapfen sind rings um einen, Kotfladen liegen im aufgewühlten Lehm. Man kann in die Sonne blinzeln, in das breite Band quer über den See, das ein Boot aus der glatten Fläche gerissen hat und das sich lang nicht beruhigt im dunklen Grün. Und…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»