(Diverse Striche) statt d h c m r l c h t d j

Die Malerin Rita Ernst

(Diverse Striche) statt d h c m r l c h t d j

In der Mitte seines Lebens, noch war er nicht ganz erblindet, beschrieb der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges das Universum als eine Bibliothek mit einer unbestimmten, vielleicht sogar unendlichen Anzahl von Büchern.* Das Alphabet bestehe aus 22 lateinischen Buchstaben, hinzu kämen Punkt, Komma und der Leerschlag, die zu immer neuen Kombinationen aneinandergereiht seien. Ein Chaos aus Buchstaben: sinnlose Kakophonien, sprachlicher Plunder, zusammenhangloses Zeugs. Nur selten, oft nach lebenslanger Arbeit, finde jemand aus den Heerscharen von Bibliothekaren in einem der Bücher einen sinnvollen Satz. O Zeit deine Pyramiden – so sei etwa auf einer vorletzten Seite zu lesen, zuvor und danach nur ein verwirrendes und sich jedem Sinn verwehrendes Labyrinth aus Zeichen.

Die Bibliothek solle aus einer unbestimmten, vielleicht sogar unendlichen Anzahl sechseckiger Galerien zusammengesetzt sein, in der Mitte ein Luftschacht, von dem aus man in die oberen und unteren Stockwerke blicken könne, endlos. Von jedem Sechseck würden zwei Gänge abzweigen, durch die man in weitere Galerien gelange. Auch hier in der Horizontalen: kein Ende absehbar. Jede Galerie, so lässt Jorge Luis Borges einen gealterten, melancholischen Bibliothekar weiter berichten, enthalte 20 Bücherregale, jedes Regal 32 Bücher, jedes Buch 410 Seiten, jede Seite 40 Zeilen und jede Zeile etwa 80 Zeichen.

Es ist ein düsteres Universum; sämtliche Interpretationen eines Sinns sollen sich als Irrsinn erwiesen haben, wiederholt aufkeimende Hoffnungen auf Entschlüsselung als vergeblich, die Suche nach dem Buch der Bücher, dem vollkommenen Kompendium aller übrigen, als aussichtslos. Immer mehr Bibliothekare hätten daher im Verlauf der Jahrhunderte Selbstmord begangen, seien, lungenkrank und bleich, über das niedrige Geländer der Galerien in die Unendlichkeit gesprungen.

Würde man in solch einem Universum nur lange genug suchen, vielleicht unendlich lange, dann müsste man nicht nur alle Bücher finden, die jemals geschrieben wurden, sondern auch die, die irgendwann einmal in der Zukunft, und sei sie noch so fern, würden geschrieben werden. Entdecken würde man wohl auch alle die, die niemals von Menschenhand verfasst würden und die zu verfassen der menschliche Verstand auch gar nicht fähig wäre.** Die Logik dieses Gedankens ist nicht von der Hand zu weisen, doch schwindet die Zuversicht des Menschen rasch angesichts des Unendlichen.

Eine Ausnahme mag hier die Unendlichkeit im Kosmos der Zürcher Malerin Rita Ernst darstellen. Ihr Alphabet ist die Linie – senkrecht, waagrecht, auch diagonal –, der Punkt, der Kreis sowie die Farben rot, gelb, grün und blau, dazu schwarz und weiss. In immer neuen Kombinationen ergeben sie Bilder, die sich der Tradition der Konkreten Kunst zuordnen lassen – auch hier ist kein Ende abzusehen. Seitdem es Rita Ernst als kleines Kind gelang, die erste gerade Linie zu zeichnen, arbeitet sie unverdrossen, schafft seit Jahrzehnten Bild um Bild, und hätte sie sechseckige Galerien zur Verfügung, dann wäre sicher schon manch eine gefüllt.

Rita Ernst, inzwischen 53 und weder lungenkrank noch bleich, fühlt sich offensichtlich wohl in ihrem Universum, aneinandergereihte kleine Würfel, rot, gelb, grün, blau schmücken als Kette ihr Décolleté und als Armband ihr Handgelenk, auf ihrer Bluse prangen grosse rote Punkte auf schwarzem Grund. Systematisch arbeitet sie sich vorwärts, auch um endgültig all diejenigen zu widerlegen, die in der Kunst nur die Kurve und das Abbild von Rundungen als sinnlich empfinden.

Sie ist eine Systematikerin, beginnt mit einer schwarzen Linie im Skizzenbuch: I, verdoppelt diese im nächsten Schritt und verbindet beide Linien im rechten Winkel zu einer der vier Möglichkeiten: (Diverse Striche). Kommt eine dritte, wieder gleichlange und im rechten Winkel angesetzte Linie hinzu, gibt es weit über 10 neue Kombinationen. Eine vierte Linie lässt erste Quadrate entstehen. Erlaubt die Künstlerin nun noch der fünften und sechsten Zutritt zu ihrem Universum und lässt auch die Verlängerung einer Linie durch eine…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»