Diskursverweigerung

FREIE SICHT

Vor wenigen Wochen veröffentlichte Amy Wax, Professorin für Recht an der University of Pennsylvania, in einer lokalen Zeitschrift einen Meinungsbeitrag zu den Ursachen von Armut in den USA. Darin nennt sie den Verfall bürgerlicher Werte, insbesondere den Zerfall traditioneller Familienstrukturen, als eine wesentliche Ursache von Armut. Weil Wax von Kultur spricht, und ethnische Minderheiten besonders stark von Armut betroffen sind, folgte die Reaktion studentischer Organisationen auf dem Fusse: Amy Wax sei eine Rassistin, sie vertrete die «bösartige Logik heteropatriarchalischer, klassenbasierter, weisser Überlegenheit», die das Land «plage». Die Folge: Forderungen nach einer Entlassung der Professorin. Zahlreiche Kollegen distanzierten sich von der Angegriffenen. Eine Auseinandersetzung, eine Debatte oder auch nur ein Streit über die Inhalte blieb aus. Keine Spur von intellektueller Offenheit. Stattdessen: puritanische Diskursverweigerung.

Vorfälle wie die Angriffe auf Amy Wax mehren sich. Diskursverweigerung ist aber kein Privileg der Linken. Hiesige Rechte sehen etwa in Befürwortern von Migration oder europäischer Einigung böswillige Kulturzerstörer, gar Befürworter eines «schleichenden Genozids» (Akif Pirincci). Und wer will mit Zerstörern und Mördern schon diskutieren?

Ende 2016 zeigte eine Umfrage des US-Forschungsinstituts Pew, dass 55 Prozent der Republikaner und Demokraten eine «stark negative» Sicht der jeweils anderen Partei aufwiesen. Etwa 30 Prozent sahen im Gegenüber gar eine «Gefahr für die Wohlfahrt des Landes». Mit Gefahren aber debattiert man nicht, man bekämpft sie. Viele Anzeichen deuten auf eine zunehmende Polarisierung bei intellektueller Verkrustung beider Flügel des politischen Spektrums hin, nicht nur in den USA. Denkbar schlechte Voraussetzungen für eine freiheitliche Demokratie und intellektuellen Fortschritt! Zeit also für Liberale, den offenen Diskurs gegen rechte und linke Sehnsüchte nach ideologischer Reinheit zu verteidigen.