Digitale Enttäuschung

FREIE SICHT

51 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass es ein Bundeswahrheitsministerium geben sollte – so das Ergebnis einer aktuellen YouGov-Umfrage unter 2038 Bürgern. Ausgerechnet eine Mehrheit der Deutschen, die in ihrer Geschichte jede erdenkliche Form des Totalitarismus ausprobiert haben, wünschen sich also im Jahr 2017, dass der Staat für sie «wahre» und «unwahre» Nachrichten sortiere.

Nun gut, könnte man sagen, das sind halt die Deutschen. Und doch lässt sich die haarsträubende Meldung in einen Trend einordnen. Denn zunehmend führt der Siegeszug digitaler Medienplattformen zu verunsicherten Rufen nach der ordnenden Hand des Staates im Nachrichtengeschäft: Nahezu zeitgleich mit der Orwell´schen Meldung aus Deutschland wird in der Schweiz eine durch den Bund finanzierte Studie der TA-Swiss veröffentlicht, die eine Erweiterung der direkten staatlichen Medienförderung fordert. Die Digitalisierung, so der Tenor, gefährde etablierte journalistische Geschäftsmodelle, eine Sicherung der Medienqualität sei ohne Subventionen künftig nicht mehr möglich.

Dies wie jenseits des Rheins geht man also einig: Ohne Staat verbreiten die Medien nur noch Unsinn. Und schuld ist: die Digitalisierung. Also auch: die Bürger. Denn glaubt man den Experten, nutzen diese das breiteste Medienangebot der Menschheitsgeschichte offenbar vor allem für den Konsum von Schund. «Lügenpresse» sozusagen, aber immerhin mundgerecht. Bittere Ironie: das grosse Versprechen der Digitalisierung war stets die «Demokratisierung» der Medien. Nie zuvor war es so leicht, Informationen und Meinungen zu erhalten und zu teilen. Nie zuvor war der Medienmarkt so
offen wie heute. Und dennoch: anstelle eines Freiheitsgewinns könnte am Ende eine beispiellose Ausweitung staatlicher Macht im Mediensektor stehen.


Christian P. Hoffmann
ist Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig und Forschungsleiter.