Die Zeit läuft…

Bis 2007 waren die Banken ein Vorzeigeobjekt der Schweiz. Man war stolz auf sie – und das galt selbst für kritische Publizisten und Politiker. Der Beitrag des Finanz­platzes zur Wertschöpfung (12 Prozent) und zu den Steuereinnahmen (14 Prozent) war gross und unbestritten. Zürich und Genf waren bezüglich Wettbewerbsfähigkeit die einzigen kontinentaleuropäischen Finanzplätze in den Top […]

Bis 2007 waren die Banken ein Vorzeigeobjekt der Schweiz. Man war stolz auf sie – und das galt selbst für kritische Publizisten und Politiker. Der Beitrag des Finanz­platzes zur Wertschöpfung (12 Prozent) und zu den Steuereinnahmen (14 Prozent) war gross und unbestritten. Zürich und Genf waren bezüglich Wettbewerbsfähigkeit die einzigen kontinentaleuropäischen Finanzplätze in den Top Ten der Welt. Im grenzüberschreitenden privaten Vermögensverwaltungsgeschäft war die Schweiz gar Weltmeisterin.

Diese Position basierte auf Tugenden, die die Confoederatio Helvetica hochhielt: starke Währung, solide Regulierung, politische Stabilität, Schutz der Privatsphäre, kompetentes Bankpersonal, verlässliche Rechtsordnung. Die globale Finanzkrise der Jahre 2007 ff. bereitete all dem ein Ende. Die UBS wurde innert vier Monaten zweimal vom Bund gerettet. Kunden und Bankangestellte wurden von ihren Arbeitgebern und der Regierung verraten. Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank trat zurück, der Schweizer Franken wurde an den schwachen Euro gebunden. Noch im Krisenjahr 2008 sagte der helvetische Finanzminister zur EU selbstbewusst: «An diesem Bankgeheimnis werdet ihr euch noch die Zähne ausbeissen.» Zwei Jahre später schrieb seine Nachfolgerin verschämt: «Wenn wir den Marktzutritt in der EU wollen, müssen wir auch die anderen Mechanismen der EU übernehmen, beispielsweise den Informationsaustausch.» Und dies, obschon das Ziel ihrer «Finanzplatzstrategie» die Verhinderung eben dieses Informationsaustausches war.

Das sind Zeichen der Schlachtung einer Henne, die goldene Eier legt, Zeichen einer (Selbst-)Demontage, an der Banker, Politiker und Publizisten zusammenwirken. Wo stehen wir heute? Noch immer sind Zürich und Genf als wettbewerbsfähigste kontinentale Finanzplätze unter den Top Ten. Der Personalbestand des Finanzplatzes ist von 2006 bis 2011 um 8 Prozent auf 211 300 gestiegen. Die hier verwalteten ausländischen Vermögen haben seit 2007 um 25 Prozent abgenommen, die schweizerischen stehen heute 10 Prozent tiefer. Die Schweiz bleibt Weltmeisterin im internationalen Private Banking, wenn der Vorsprung auch schrumpft.

Die (Selbst-)Zerstörung braucht länger als angenommen. Oder positiv gewendet: Noch ist es Zeit für eine Korrektur. Auch die Uhrenindustrie schaffte einst die Kurve in letzter Sekunde. Und wie? Fortsetzung folgt.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»