Die Wirtschaftsform des Gebens

Christliche Sozialethiker haben es einst gewusst: der Kapitalismus ist sozial. Ein Einwurf aus katholisch-liberaler Sicht.

Die Wirtschaftsform des Gebens
Martin Rhonheimer, Bild: zvg.

Das Wort «Kapitalismus» steht heute für Ungerechtigkeit, Rücksichtslosigkeit und Ausbeutung. Insbesondere in kirchlichen und sozial engagierten Kreisen wird dieser Wortgebrauch gepflegt. Zu Recht?

Der Terminus stammt nicht von Karl Marx, der die kapitalistische Produktionsweise zwar als Ausbeutungsmaschinerie verunglimpfte, sie aber als notwendiges Übel auf dem Weg ins Paradies auf Erden betrachtete. Das angebliche Unwort «Kapitalismus» wurde vielmehr von Max Weber und Werner Sombart als wirtschaftshistorischer Epochenbegriff geprägt – nicht im Sinne eines Schimpfwortes, sondern als historisch-typisierende Kategorie. Doch bereits grosse klassische Ökonomen wie Jean-Baptiste Say und David Ricardo nannten die Unternehmer und Produzenten bzw. ihre Kapitalgeber «Kapitalisten». Seit jeher gilt der Kapitalist als kaltherziger «Ausbeuter». Doch der Begriff «Kapitalismus» verdient eine vollumfängliche Rehabilitierung – gerade aus christlicher und sozialer Perspektive. Warum der Kapitalismus ein Erfolgsrezept und auch aus ethischer Sicht positiv zu beurteilen ist, möchte ich im folgenden begründen.

 

Das Erfolgsrezept des Kapitalismus liegt kurz gesagt darin, dass er eine Wirtschaftsform ist, in der privater Reichtum – er kann sehr bescheiden oder sehr gross sein – nicht als Konsumgut, sondern als Kapital verwendet wird. Zu «Kapital» wird Reichtum, wenn er produktiv investiert wird. Dadurch wird neuer Reichtum erzeugt, sei es unmittelbar in der Form eines grösseren Outputs von Gütern oder in der Form technologischer Innovation, die wiederum zu einem nachhaltigen Anstieg der Produktivität und der Reallöhne und damit des allgemeinen Wohlstands führen. Kapital sind auch die Produkte dieser Prozesse, sofern sie nicht konsumiert, sondern weiter im Produktionsprozess verwendet werden. Und schliesslich werden der immer höhere Ausbildungsstand und das spezialisierte Know-how im Besitz einzelner Personen zu Humankapital, wodurch auch die Unterscheidung zwischen Kapital und Arbeit zunehmend schwindet.

So überraschend es zunächst erscheinen mag: Kapitalismus ist letztlich die «Wirtschaftsform des Gebens». Wie George Gilder in seinem Buch «Wealth and Poverty» (1981/2012) überzeugend darlegt, besteht der erste Akt des Kapitalisten nicht im Nehmen, sondern im Geben – er gibt auf eigenes Risiko, ohne dafür zunächst eine Gegenleistung zu erhalten. Unmittelbare Nutzniesser seines Gebens sind diejenigen, die durch das produktive Investieren von Reichtum Arbeit und Lohn erhalten – und zwar sofort. Kapitalismus schafft zuallererst einmal neuen Reichtum in der Form von Arbeit und Löhnen – und damit Kaufkraft und Nachfrage, die neue Investitionen lohnend machen.

Die entlohnten Arbeiter sind also die ersten und unmittelbaren Nutzniesser des Kapitalismus. Löhne sind vorgezogene Anteile am zukünftigen Unternehmensgewinn, deren Ausbezahlung nur dank unternehmerischer Leistung und Risikobereitschaft möglich ist. Der Unternehmer und Kapitalist erhält seinen Anteil – wenn überhaupt – erst viel später. Deshalb ist es auch nur gerecht, dass er, falls ihm nachhaltiger Erfolg beschieden ist, mehr erhält als die von ihm entlohnten Arbeiter. Wäre das nicht der Fall, würde der entscheidende Antrieb wegfallen, sich überhaupt in dieser Weise zu betätigen. Allerdings wird sich der Kapitalist den grössten Teil des Unternehmensgewinnes nicht als Lohn ausbezahlen, sondern reinvestieren oder als Reserve für schlechte Zeiten zurückbehalten – was wiederum den jetzt und zukünftig von ihm Beschäftigten zugutekommt.

 

Gemäss der Logik des kapitalistischen Wirtschaftssystems kann nur reicher werden, wer auch andere reicher macht. Im Gegensatz zum Kapitalismus ist der Sozialismus die Wirtschaftsform des Nehmens. Im Sozialismus wird verteilt, was anderen zuvor weggenommen wurde, theoretisch so lange, bis alle – ausser die privilegierte Schicht der Verteiler und Planer – gleich arm sind. Das gilt in mehr oder minder gleichem Masse für alle Spielarten des wirtschaftlichen Etatismus, angefangen vom Merkantilismus vergangener Zeiten bis hin – wenn auch subtiler und weniger bemerkt – zum interventionistischen und umverteilenden Sozialstaat der Gegenwart.

Der Kapitalismus ist von der Idee her die effizienteste, ja die einzige Wirtschaftsordnung, durch die alle Menschen und nicht nur eine kleine Gruppe von Funktionären zu Wohlstand gelangen können. Einige werden…