«Die Welt beginnt am Gartentor»
Franz Hohler, zvg.

«Die Welt beginnt
am Gartentor»

Über Ablasszahlungen, Diebe in St. Petersburg, mimetischen Isomorphismus und Olten.

Herr Hohler, dank oder wegen des Coronavirus erlebten wir zuletzt eine starke Entschleunigung: Geplantes wurde abgesagt, eine Vielzahl von Freizeitbeschäftigungen verunmöglicht. Meinen Sie, es wird dadurch mehr gelesen?

Ich höre von den Buchhandlungen, die ja alle zum Versand übergegangen sind, dass die Nachfrage überraschend gross sei. Meine Stammbuchhandlung in Oerlikon nimmt meine Bestellung ent­gegen, schickt jemanden mit dem Velo los und der legt die Sendung in mein Paketfach. Es hat was Persönliches bekommen, dass man Bücher erhält wie früher die Milch – die älteren Leute reden ja noch immer vom «Milchchäschtli». Jedenfalls ist es so, dass sich die Leute stärker darauf besinnen, was sie zu Hause machen können. Und etwas, was man zu Hause immer machen kann, ist lesen.

Bücher ermöglichen uns seit jeher, in ferne Länder zu reisen, ohne uns aus dem Ohrensessel bewegen zu müssen. Kann Lesen richtiges Reisen ersetzen?

Natürlich kann Lesen Reisen nicht ersetzen. Aber es kann zum Reisen anregen oder zu einer inneren Reise werden, zu einer Reise im Kopf, zu einer Sofa-Reise. Von mir gibt es ja gleich drei Bücher, die mit dem Gehen zu tun haben: «52 Wanderungen», «Spaziergänge» und dann gibt es noch mein Bergbuch «Immer höher», in dem ich meine Bergtouren beschrieben habe. Da bekomme ich viele Rückmeldungen wie: «Wir wollten eigentlich nach Asien, aber jetzt reisen wir halt mit Ihnen.» Wenn man über Reisen liest, hält man sich die Tür zur Welt offen.

In «Fahrplanmässiger Aufenthalt», Ihrem neuen kleinen Büchlein, sind Sie viel unterwegs, auch an abgelegenen Orten: Sibirien, Usbekistan, aber auch in Kenia. Wenn Sie an Reiseliteratur, Reiseschriftsteller, Reisebücher denken – was lesen Sie gerne?

Ich mag ganz gerne Berichte, die nicht in erster Linie touristisch oder abenteuerlich sind, sondern so etwas wie Besichtigungen. In sehr guter Erinnerung habe ich von Henry Miller «The Air-Conditioned Nightmare», eine Reise durch Amerika 1939, nachdem er zuvor neun Jahre in Paris verbracht hatte. Er besichtigte und ­beschrieb die USA, als wäre er ein Fremder. Diese Optik gefällt mir, und ich nehme sie gerne auch selbst ein. Wenn ich Spaziergänge mache, glaube ich daran, dass die Welt am Gartentor beginnt und nicht erst auf den Malediven oder den Seychellen. Auf solchen Umgebungssafaris sieht man viel, Zeichen des Lebens, Zeichen der Zeit – das ist die Reiseliteratur, die mir gefällt. Ich versuche mich auch einzulesen in die Literatur des bereisten Landes, so dass sie mir etwas erzählt über die Menschen und über die Art, wie man dort lebt. In Kenia gibt es zum Beispiel hervor­ragende Autoren, etwa Ngugi wa Thiong’o, der auch öfters für den Nobelpreis genannt wird. Jede Literatur eines Landes gibt auch Auskunft über dieses Land.

In Ihrem Buch schreiben Sie: «Eine Stadt lernt man erst dann kennen, wenn man ihre öffentlichen Verkehrsmittel nutzt.» Können Sie ein Beispiel geben?

Vom Roman «Stadt der Diebe» sollte man ja eigentlich vor St. Petersburg gewarnt sein. Als meine Frau und ich in einen rappelvollen Bus eingestiegen sind, der zur Eremitage fuhr, sagte ich ihr: «Jetzt musst du aufpassen!», und sie hielt ihre Tasche gut fest. Auch ich habe sehr gut aufgepasst. Beim Aussteigen gab es dann ein Gerangel, aber ich war davon überzeugt, dass mir nichts passieren kann, ich hatte einen langen Regenmantel an, und mein Portemonnaie hinten in der Gesässtasche. Doch als ich draussen war, merkte ich, dass es weg war. Zuerst ärgerte ich mich natürlich, aber dann dachte ich: Das sind Künstler, die machen das grossartig. Ich habe ja überhaupt nichts bemerkt.

Mit welchem Verkehrsmittel sind Sie am liebsten unterwegs?

Am allerliebsten zu Fuss und sonst gerne mit dem Zug. Innerhalb von Europa fahre ich wenn immer möglich Zug. Kurzstreckenflüge fand ich schon lange vor der Klimabewegung unsinnig. Wenn es schwieriger wird, mit dem Zug anzureisen, wie nach Kenia oder nach Usbekistan, dann nehme ich das Flugzeug und zahle Ablass auf myclimate.ch.

Wie haben Sie die Debatten bezüglich Flugscham wahrgenommen? Sie waren ja ein früher Atomkraftgegner, bei der ersten grünen Welle mit dabei.

Ich habe mich sehr gefreut, dass die jungen Leute aktiv wurden und unseren Normalbetrieb hinterfragten. Jetzt werden sie vom Coronavirus unterstützt: Die Forderungen nach einer Reduktion des Flugverkehrs wurde von diesem kleinen Virus eingelöst beziehungsweise durch die weltweite Reaktion darauf. Man hört nun auch von Meldungen, dass man in Venedig wieder auf den Grund der Kanäle sehe und dass Delfine wieder in den Häfen zu sichten seien.

Delfine im Hafen: Da kommt eine Erinnerung auf an Ihre Geschichte «Die Rückeroberung»: Adler, Hirsche, Bären, Schlangen, Wölfe ­kehren darin ins Zentrum von Zürich zurück, es wird alles von Efeu überwuchert.

Ich habe diese Fantasie 1979 geschrieben, als ich einen grossen Vogel auf der Fernsehantenne des Nachbardaches sah. Ich habe mir vorgestellt, es sei ein Adler, und dann dieses Bild immer weiter auszumalen begonnen. Schon damals habe ich viele Reaktionen darauf bekommen: Es gab etwa Kinder, ganze Schulklassen, die Unterführungen bemalt haben mit Rückeroberungsmotiven, nun kommt dieses Thema wieder verstärkt. Die Geschichte trifft eine Sehnsucht vieler Leute, die befürchten, dass wir den Kontakt zur Natur verlieren.

Eigentlich ist es der Konflikt zwischen dem die Welt beherrschenden Wesen Mensch, dieser «Krone der Schöpfung» – und dem ganzen Rest, den er mit seiner Ausbreitung zurückdrängt. Gerade Wildtiere ­haben ja immer weniger Platz.

Ich war kürzlich beim Schweizer Fernsehen draussen, am Leutschenbach, diesem kleinen Bach, der vor dem SRF-Hochhaus durchfliesst. Genau dort hat sich doch tatsächlich eine Biberfamilie eingenistet, den Leutschenbach gestaut, die Büsche und Bäume dort abgenagt. Das ist ein Anblick, der mir Freude macht. Aber ­natürlich weiss ich auch, dass die Bauern auf dem Land Probleme haben mit den Bibern und mit dem Wolf ja auch – vor einigen Jahren rannte in Schlieren ein Wolf vor die S-Bahn. Wenn die Natur zurückkommt, ist es nicht einfach nur eine Idylle, und das wollte ich in meiner Erzählung auch schon deutlich machen. Da kommt ein Gegner, und genau das gehört eben zur Natur.

Sie sind in Olten aufgewachsen, einem Verkehrsknotenpunkt, von dem viele zuerst mal wegwollen. Hat Sie das auch zu einem Reisenden gemacht?

Ich bin gerne in Olten aufgewachsen, sah auch keinen Grund zu flüchten. Aber nachdem ich ein Studium begonnen und wieder abgebrochen habe und zum freischaffenden Autor, Künstler, Kabarettisten und Kulturnomaden geworden bin, bin ich sozusagen im Gravitationsfeld von Zürich hängengeblieben. Das Angenehme an Olten war für mich stets, dass die Stadt keine Versprechungen abgibt, so wie etwa Solothurn als Kantonshauptstadt mit seiner Kathedrale. Olten ist der «Unpromising Hero», der Held, der nichts verspricht. Natürlich habe ich auch viele Kontakte zu Kollegen dort: In der Galicia Bar von Alex Capus war ich schon zu Gast mit Lesungen. Peter Bichsel ist in Olten aufgewachsen, hat sich dann aber nach Solothurn abgesetzt. Dass Pedro Lenz zum Wahloltner wurde, freut mich.

Als Teenager haben Sie Texte in der Regionalpresse geschrieben, zum Beispiel über einen Besuch im Oltner Theater. Mögen Sie sich daran erinnern?

Ja, sehr gut, es gibt ein Büchlein davon: «Eine Kuh verlor die Nerven», erschienen im Verlag von Thomas Knapp. Ich habe bereits als Kantischüler über Theater geschrieben oder über den berühmten Cellisten Pablo Casals, der in Zermatt Meisterkurse gegeben hat. Und natürlich über Reisen nach Italien und Spanien – bereits damals habe ich also Reiseliteratur geschrieben. Ich durfte auch Kurzgeschichten veröffentlichen im «Oltner Tagblatt». Rückblickend war das wesentlich für mich, weil es mir gezeigt hat, dass man meine Sachen brauchen kann. Es war eine Ermutigung.

Trotzdem sind Sie nicht Journalist geworden, sondern ein Allroundkünstler. Wie viele Kinder der 1980er Jahre kenne ich Sie natürlich von der Reihe «Franz und René» im «Spielhaus». Haben Sie mal einen Plan gehabt, oder haben Sie sich einfach treiben lassen und sind dem ­nachgegangen, was Sie interessiert hat?

Zuerst hat mich die Form des literarischen Kabaretts interessiert, weil ich dachte, dass es etwas sei, mit dem man direkt zu den Leuten gehen könne. Schon als Kind habe ich kleine Geschichten und Gedichte geschrieben, hatte aber immer das Gefühl, eine Geschichte sei erst dann fertig, wenn man sie vorgetragen habe. Mein erstes Bühnenprogramm nannte ich eine literarisch-musikalische Solosuite. In späteren Jahren habe ich die Bühnentätigkeit etwas zurückgefahren, um mich wieder mehr auf das Schreiben zu konzentrieren. Heute mache ich Lesungen, das genügt mir.

Ich habe mir «Ds Totemügerli» von 1967 nochmals angehört, in der Schweiz ist es Ihr vielleicht bekanntestes Stück. War das nur zu dieser Zeit möglich, gehen die Dialekte mehr und mehr verloren?

Das würde ich nicht sagen. Denken Sie an die ganze «Spoken-Word»-Kultur, zum Beispiel in Bern, wo überall Gruppen spriessen mit wechselnder Besetzung, in denen es sehr stark auf die ­Präsentation und das «Spoken Word» ankommt. Als dieser Begriff als etwas ganz Neues aufkam, habe ich ein bisschen geschmunzelt und gedacht: «Das mache ich ja schon immer, nicht?» Ob Kuno Lauener, Endo Anaconda oder Büne Huber von Patent Ochsner, das sind alles hervorragende Dialekttexter. Wie gut sich da die Mundartkultur gehalten hat, fast wie eine Gegenbewegung zur grossen Globalisierung, finde ich erstaunlich.

Ja, es gibt noch Leute, die den Dialekt hochhalten. In der Alltagswelt verschwimmen die regionalen Dialekte aber zunehmend.

Der Dialekt wandelt sich ständig, heute wird eben gegoogelt, gechillt und gefoodet. Bemerkenswert finde ich aber, dass man jedem Secondo anhört, ob er in Chur aufgewachsen ist oder in Zürich, Basel oder Bern. Die Dialektfarben erhalten sich auf wundersame Weise, es entsteht eine linguistische Biodiversität. Je mehr die Sprache aufnehmen, integrieren, einbürgern kann – der Dialekt bürgert viel rascher ein als die Politik –, desto lebendiger bleibt sie. Denken Sie an den Balkanslang, das sind sehr interessante dialektale Formen.

Verfolgen Sie das auch selbst?

Ich habe immer ein Auge auf die Sprache. Die Coronavirus-Welle hat etwa die «Vorerkrankung» und die «Übersterblichkeit» in den Umlauf gebracht. Beide gab es schon vorher, ich habe nachgeschaut, ersteres war ein Versicherungswort, letzteres ein Statistikerwort. Das Wort «Social Distancing», muss ich zugeben, habe ich nicht gekannt, es kam erst Anfang März auf. Dass nun überall auf der Welt Schulen, Restaurants und Bars geschlossen wurden, weil man fand, das sei der richtige Weg, dafür gibt es einen soziologischen Ausdruck: mimetischer Isomorphismus (lacht). Alles, was wir tun, ist in der Sprache schon enthalten und bereits vor­geformt.

In Ihrem Lied «Es si alli so nätt» besingen Sie die generelle Nettigkeit des Schweizers. Ist das heute noch so, oder hat sich da etwas geändert durch den vielbeklagten Hatespeech im Internet? Ist das, was man ­früher Herzensbildung genannt hat, im Niedergang?

Es gibt tatsächlich Leute, die einen tödlich verachten, und es ist zum Teil erschreckend, was da an Anwürfen kommt. Es ist jedoch gut zu wissen, dass es das gibt. Als ich im Schweizer Fernsehen die satirische Sendung «Denkpause» gemacht habe, sind auch Morddrohungen eingetroffen, anonyme Telefonate, Briefe. Heute kommt das per E-Mail rein, aber bei mir kaum noch – wahrscheinlich bin ich ein gemässigter Märchenonkel geworden, ein Spaziergänger und Bergwanderer, dem man keine Schädlichkeit mehr zutraut (lacht). Dass das Internet generell verroht, würde ich nicht sagen. Es kommt darauf an, wer es nutzt und wie man es nutzt. Alles in allem bin ich optimistisch: Ich schreibe ja viel für Kinder und erhalte viele Rückmeldungen von Kindern, die selbst Geschichten schreiben, nachdem sie Geschichten von mir gelesen haben. Oder die Verse machen, weil sie Verse von mir gelesen haben. Mein letztes Buch mit Kinderversen hiess: «Am liebsten ass der Hamster Hugo Spaghetti mit Tomatensugo». Eine Lehrerin hat ihren Kindern die Aufgabe gegeben, sie sollten «Am liebsten ass…» als Versanfang nehmen und dann selbst Verse machen. Dann ­kamen geniale Verse, etwa: «Am liebsten ass die Qualle Betti Erdbeertorte mit Spaghetti». Lese ich so was, habe ich gar keine ­Befürchtungen vor einem Einbruch der Kreativität. Aber es ist wichtig, dass sie aktiviert und am Leben erhalten wird. Und dass die Kinder nicht im Internet ersaufen.

Wenn Sie jetzt zurückblicken auf Ihre Karriere, auf Ihre künstlerischen Werke: Was ist Ihnen am besten gelungen? Was wird am ehesten Bestand haben?

Bestand haben? Da mache ich mir keine allzu grossen Gedanken oder allzu grossen Illusionen. Ich höre immer wieder, dass nach dem Tod eines Autors das Interesse zurückgehe, vielleicht stärker zurückgeht als erwartet. Das höre ich aus dem Max-Frisch-Archiv zum Beispiel oder auch vom Diogenes-Verlag, der sehr starke verstorbene Schweizer Autoren im Programm hat. Wenn ich auf meine Arbeit zurückblicke, freue ich mich, dass ich immer wieder etwas anderes versucht habe, nie stehengeblieben bin bei dem, was ich beherrschte, sondern immer wieder versucht habe, andere Formen auszuprobieren und keine Monokultur zu machen.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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