Die vier apokalyptischen Reiter der Nivellierung
Walter Scheidel, photographiert von Daniel Hinterramskogler.

Die vier apokalyptischen Reiter der Nivellierung

Ungleichheit wird nur durch katastrophale Ereignisse eingeebnet: grosse Kriege, revolutionäre Umwälzungen, Kollaps von Staaten und tödliche Pandemien.

2016 vereinten die reichsten acht Menschen der Welt so viel privates Nettovermögen wie die ärmere Hälfte der Menschheit und damit über 3,5 Milliarden Menschen. Wollten sie einen Ausflug machen, würden diese acht Glücklichen in einen Minivan passen. Drei Jahre zuvor hätte es noch 85 Milliardäre gebraucht, um jene Schwelle zu erreichen; da wäre ein Doppeldeckerbus vonnöten gewesen. Und vor nicht allzu langer Zeit, im Jahr 2010, hätten ganze 388 Milliardäre ihre Vermögen zusammenlegen müssen, um mit der ärmeren Hälfte gleichzuziehen – so viele, wie in eine Boeing 777 passen.

Dieser Trend wird in jüngster Zeit mit wachsendem Unwohlsein beobachtet. 2013 erhob es Barack Obama – mit Blick auf die zunehmende Ungleichheit – zur «entscheidenden Herausforderung …, sicherzustellen, dass unsere Wirtschaft für jeden arbeitenden Amerikaner funktioniert». Zwei Jahre zuvor hatte der Investor und Multimilliardär Warren Buffett geklagt, dass er und seine «steinreichen Freunde» nicht genug Steuern zahlten. In den Vorwahlen der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahl 2016 zog Bernie Sanders mit seiner unnachgiebigen Anklage der «Milliardärsklasse» grosse Menschenmengen an und trieb damit Millionen kleiner Spenden von seiner Basis ein. Selbst die chinesische Führung hat das Problem öffentlich anerkannt und unterstützte ein Gutachten darüber, wie man das gegenwärtige System der Einkommensverteilung reformieren könnte.

Die akademische Welt hat die Diskussion weiter angefacht. Der prominenteste Beitrag ist wohl Thomas Pikettys 700seitiger Wälzer «Das Kapital im 21. Jahrhundert», der es innerhalb von 18 Monaten nach Erscheinen an die Spitze der Hardcover-Bestsellerliste der «New York Times» schaffte – mit 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Doch auch andere schrieben über Gründe und Folgen der Ungleichheit, etwa Branko Milanovic, Peter H. Lindert, Jeffrey G. Williamson oder James K. Galbraith. Was fehlt, ist eine tiefenhistorische Betrachtung, die bis zur Altsteinzeit zurückreichen müsste. Bei allen methodischen Schwierigkeiten würde eine solche Untersuchung eine unbequeme, aber klare Einsicht eröffnen: Gute Absichten und politische Massnahmen beiseite – enorme Ungleichheit wurde nie auf anderem Wege nivelliert als von Gewalt und Aufruhr.

Ungleichheit wird nicht allein von Multimilliardären verursacht

Das reichste Perzentil aller Haushalte auf der Welt vereint gut die Hälfte des globalen Nettovermögens. Bezöge man die Vermögenswerte mit ein, die manch einer dieser Haushalte in Offshore-Konten versteckt, sähe die Verteilungskurve noch extremer aus. Dieses Missverhältnis gründet nicht einfach in den enormen Einkommensunterschieden zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Ähnliche Ungleichgewichte gibt es innerhalb von Gesellschaften. Die reichsten 20 Amerikaner besitzen gegenwärtig so viel wie die untere Hälfte aller US-Haushalte zusammengenommen, und das oberste Perzentil aller Einkommen macht ein Fünftel des gesamten Nationaleinkommens aus. Über die letzten Jahrzehnte wuchs die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Europa, der ehemaligen Sowjetunion, China, Indien und andernorts. Und wer hat, dem wird gegeben werden. In den USA vergrösserte das oberste Perzentil des obersten Perzentils (sprich jene in der Einkommensgruppe der obersten 0,01 Prozent) seinen Anteil auf fast das Sechsfache des Standes der 1970er Jahre – und das, während das oberste Zehntel jener Gruppe (die obersten 0,1 Prozent) seinen Anteil vervierfachte. Der Rest erzielte im Durchschnitt einen Zuwachs von etwa drei Vierteln – nicht zu verachten, aber nichts im Vergleich zu den obersten Rängen.

Die Rede von den «1 Prozent» mag eine griffige Formulierung sein, doch lässt sich dahinter prima verbergen, in welchem Masse der Wohlstand sich auf noch weit weniger Menschen verteilt. In den 1850er Jahren prägte der Autor Nathaniel Parker Willis den Begriff der «oberen Zehntausend» für die High Society von New York. Eine Variante wäre nun hilfreich, «das obere Zehntausendstel», um denen gerecht zu werden, die zur wachsenden Ungleichheit am meisten beitragen. Und selbst in dieser exklusiven Gruppe sind es jene an der Spitze, die sich deutlich von allen anderen absetzen. Das…