Die versicherte Gesellschaft

«Inschallah»: Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Seit einigen Jahren verbringe ich den Winter auf der afrikanischen Insel Sansibar. Was sich traumhaft anhört, hat seine Schattenseiten: Das ­Leben hier hält immer wieder neue Abenteuer bereit, nicht alle sind erfreulich. Was ich in meiner zweiten Heimat gelernt habe: Nichts ist sicher, es kann jederzeit alles passieren. Oder wie sich eine Freundin von mir ausdrückt: Wer hier überleben will, braucht einen Plan A, einen Plan B, C, D, E und F – und Plan G geht vielleicht dann auf, wenn man Glück hat. Darum macht man am besten gar keine Pläne. Selbst wenn ich mich für zwei Stunden später mit einem Freund zum Tee verabrede, schliesst er mit der Redewendung ­«Inschallah!» (so Gott will!). Wer weiss schon, was in den nächsten zwei Stunden alles geschehen kann. Die Menschen auf Sansibar leben im Jetzt. Was morgen kommt, sieht man dann morgen. Das führt nicht, wie man vielleicht meinen könnte, zu Unsicherheit, sondern eher zu einer ­ausgeprägten Gelassenheit.

Von dieser Gelassenheit sollten wir Westler uns manchmal eine Scheibe abschneiden. Das dachte ich mir, als ich kürzlich einen Ratgeber-Artikel las. Darin stand, dass Eltern ihr Neugeborenes bereits vor der Geburt krankenversichern sollten – inklusive Zahnversicherung. Das Angebot findet regen Zuspruch. Denn wir Schweizer lieben Versicherungen. Bei jedem Kauf eines Konzerttickets werde ich gefragt, ob ich es versichern lassen will. Wir versichern unser ­Fahrrad oder unsere Fotoausrüstung, wir schliessen Ver­sicherungen für Hochzeiten respektive für Scheidungen ab, für das Leben und für den Tod. Profifussballer versichern ihre Beine, männliche Models versichern sich gegen den Ausfall ihrer Brusthaare und diverse Schweizer Gesellschaften bieten für Golfer gar eine Hole-in-One-Versicherung an, damit sie die Party nicht selber bezahlen müssen, falls der Ball mal auf Anhieb ins Loch geht.

Die Frage ist, ob wir wirklich sicherer sind, wenn wir uns für alles Denkbare und Undenkbare mit hohen Prämien finanziell absichern. Vielleicht würde uns etwas mehr ­Gelassenheit manchmal mehr helfen als der teuerste Versicherungsschutz.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»