Die Verheissung der Nische

Strategische Optionen für die Schweiz

Die Schweiz ist ein Kleinstaat. Sie hat wenig politisches Gewicht. Sie zeichnet sich durch eine geringe Steuerbelastung aus. Sie hat eine schlanke Administration. Sie verfügt über eine funktionierende Armee. Die Bauern bieten Landschaftspflege mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Sie vertritt grossmehrheitlich eine bürgerliche Politik. Sie leidet wie die Nachbarländer an wachsender sozialer Ungleichheit. – Das sind einige der Selbstbeschreibungen, die Schweizer Bürger, Politiker und Publizisten aller Couleur gerne feilbieten. Das Problem: die Narrative haben sich verselbständigt – unbesehen ihres Wahrheitsgehalts.

Der Abschied von Zerrbildern und Lebenslügen wäre allerdings die Voraussetzung für eine Prüfung strategischer Optionen der Eidgenossenschaft in einer sich unglaublich rasch wandelnden Welt. Die Schweiz liegt mitten in Europa, aber der alte Kontinent sieht globale Verschiebungen zunehmend passiv an sich vorüberziehen. Es werden plötzlich neu-alte Klüfte sichtbar, zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd. Nationale Interesse und deren einseitige machtpolitische Durchsetzung prägen immer stärker die zwischenstaatlichen Verhältnisse. Wie soll sich die Schweiz innerhalb Europas einerseits und in der neuen Welt anderseits positionieren, in der geopolitische Gewichtsverschiebungen ständig neuen Handlungsdruck erzeugen? Kann sie die Nische, in der sie sich befindet, aus eigenen Kräften aufrechterhalten? Wie kann sie sie klug nutzen – zumal mit der schleichenden Entfremdung von Wirtschaft und Politik eine zentrale Voraussetzung für strategische Handlungsfähigkeit weitgehend zu erodieren droht? Und wann wird die Nische zum Bunker, dessen Bewohner bloss noch die Illusion nähren, sie könnten sich von der Geschichte verabschieden?

Das Forum der Max Schmidheiny-Stiftung bildet einen geeigneten Rahmen, um die Lage aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu analysieren. Die diesjährige Tagung, die Ende Februar in Bad Ragaz stattfand, nahm sich der Frage nach politischen und ökonomischen Nischenstrategien für die Schweiz im 21. Jahrhundert an. Eine Gruppe von Unternehmern, Politikern, Wissenschaftern und anderen engagierten Bürgern erörterte Szenarien – und übte Kritik am immer weniger bequemen Status quo. Mit diesem Dossier, das an die Sonderpublikation «Helvetische Geopolitik?» anschliesst,1 möchten wir einen Teil der lohnenden Beiträge und Diskussionen aufgreifen, vertiefen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Anregende Lektüre!

Die Redaktion

 


1 «Helvetische Geopolitik? Werte, Ziele, Strategien für die Schweiz im 20. Jahrhundert», Sonderthema 8, Dezember 2012.

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dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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