Die vergessene Lehrmeisterin
Ayn-Rand-Briefmarke, catwalker/shutterstock.com

Die vergessene Lehrmeisterin

Massentaugliche Kulturangebote für liberales Denken gibt es heute nur wenige. Es lohnt sich deshalb, die Jahrhundertdenkerin Ayn Rand wiederzuentdecken.

 

«Ihr seid alle Menschen, wenn ihr nur fleissig seid. Und Geld habt», singen weiss gekleidete Gestalten, die einen an Anhänger einer New-Age-Sekte erinnern. «Wir sind reich, wir sind reich, wir sind reich!», rufen sie im scheinbaren Delirium, entrückt und entzückt ob ihrer selbst. Tatsächlich huldigen die taumelnden Gesellen einer Lichtgestalt, dem Propheten des Dollars, der sie zu sich nach Atlantis gerufen hat: John Galt hat die Leistungsträger der amerikanischen Gesellschaft zum Streik aufgerufen. Sie sollen nicht mehr einer Bevölkerung dienen, die ihre Talente nur auszunutzen, aber nicht zu schätzen weiss und Erfolg bestraft, statt zu belohnen. Diesen Aufstand werde man dereinst feiern, als Revolution der Erwählten am Altar der «Church of Ayn Rand».

So inszenierte im Januar 2020 der Co-Intendant des Zürcher Schauspielhauses Ayn Rands (1905–1982) bekanntesten Roman «Atlas Shrugged» (1957), auf Deutsch übersetzt unter dem Titel «Der Streik». Wer sich nur an Nicolas Stemanns Fassung orientiert, muss jenen Kritikern beipflichten, die das Werk als Puppenhausprosa für Kapitalisten oder schlicht schlechte Literatur und Anleitung zu Elitarismus und Rassenhass bezeichnen. Und der mag sich auch wundern, wie solch grotesker Kitsch jene Köpfe beeinflussen konnte, deren Konterfeis auf die Bühne projiziert werden: Friedrich August von Hayek, Ronald Reagan, Margaret Thatcher, George W. Bush, Steve Jobs, Donald Trump und einige weitere mehr, die wohl ein neoliberales Gruselkabinett darstellen sollen. Wie passt das alles zusammen? Gar nicht.

Wer hat Ayn Rand denn wirklich gelesen?

Nicht alle der genannten haben Rand überhaupt gelesen, geschweige denn gekannt. Und jene, die Rand gelesen haben, mögen sie nicht immer ganz verstanden haben. Zu letzteren gehört sicherlich der aktuelle Bewohner des Weissen Hauses.

Die Zürcher Interpretation von Rands Werk und Wirkung reiht sich ein in jene Deutungsversuche, die weniger vom Willen zu verstehen denn zu verunglimpfen getrieben sind. So suchte auch der britische Comicautor Darryl Cunningham in ­seinem vielgepriesenen Buch «Supercrash: Das Zeitalter der Selbstsucht» (2016) in Ayn Rand die Hauptschuldige für die Wirtschaftskrise von 2008, deren Bibel des Egoismus Speku­lanten und Schwindlern Absolution erteilte. Auch in wissenschaftlichen Kreisen ist der Reflex verbreitet, Rand eher zu karikieren als nüchtern zu erfassen. Jüngst erklärte sie die Gender-Forscherin und Historikerin Lisa Duggan zum «Mean Girl», so der Titel ihrer Kurzmonografie, und befand Rands Denkschule des sogenannten ­Objektivismus für «grausam». Entsprechend müssen jene Wissenschafter, die sich mit Rands Werk aus­einandersetzen, erst einen Offenbarungseid leisten, quasi die Gretchenfrage beantworten, ob sie zu «denen» gehören. Die ­Autorin dieses Artikels ist keine Objektivistin, keine Rand-Jüngerin und noch nicht einmal ordentlich libertär, und dennoch (oder gerade deshalb) plädiert sie ­dafür, sich Rand, ihrem Werk und dessen Rezeption nüchtern – und vor allem: offen – zu nähern.

«In ‹The Fountainhead› fliegt nur eine Baustelle in die Luft – in ‹Atlas Shrugged› droht der Buchtitel wahr zu werden. Denn wenn Atlas mit den Schultern zuckt, kommt die Erdkugel zu Fall.»

Zur Dämonisierungs- wie zur Verklärungsgeschichte gehört ein kurzer Blick auf Rands Werdegang. Der Name selbst ist bereits ein von Mythen umranktes Pseudonym, das sich die geborene Alisa Rosenbaum nach eigener Auskunft in Anlehnung an einen finnischen Vornamen und als Referenz für eine Schreibmaschinenmarke gegeben hat. Sicher sollte der Künstlername akustisch jenen Filmfiguren huldigen, für die sie als junge Frau schwärmte: Geboren in einer Stadt, St. Petersburg, die zu ihren Lebzeiten dreimal den Namen ändern sollte, erlebte die junge…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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