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Die utopische Vorstellung, den Schulden zu entkommen, zerstört das Fundament unserer Gesellschaft

Seit Jahrtausenden prägen sie Wirtschaft, Moral und Politik. Doch ihr Versprechen von Zusammenhalt und Fortschritt trägt seit jeher den Schatten von Täuschung, Krise und Zerfall.

Die utopische Vorstellung, den Schulden zu entkommen, zerstört das Fundament unserer Gesellschaft
Der Hauptsitz der 1694 gegründeten Bank of England in London. Bild: Keystone/EPA/Tolga Akmen.

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Ende des 17. Jahrhunderts gelang in London ein finanzielles Wunder: Mit der Gründung der Bank of England wurde aus der Schuldenlast des Staates ein Motor des Fortschritts. Zum ersten Mal konnten Regierungen durch die Ausgabe von Anleihen und Banknoten künftige Einnahmen in gegenwärtige Kaufkraft verwandeln – Geld entstand gewissermassen aus Schulden. Diese neue «Magie des Geldes» faszinierte ganz Europa.

Als die Bank von England ihre Magie wirken liess, wollten Nachahmer noch weiter gehen. Der Schotte John Law versuchte, die Schulden des französischen Königs zu konsolidieren – ein Experiment, das 1720 spektakulär scheiterte. Sein Versuch inspirierte unzählige Flugschriften und Karikaturen, in denen der Teufel das Geld erschafft, das Erlösung verspricht. In vielen Darstellungen scheisst der Teufel Geld: das Symbol einer Täuschung, die aus ungedecktem Geld geboren wird – des Teufels Exkrement. Goethe hat diese Botschaft im zweiten Teil des «Fausts» eindrücklich aufgegriffen.

Der Traum von einer magischen Befreiung von Schulden ist nie verschwunden. Auch heute fordern Aktivisten einen biblischen Schuldenerlass, ein neues Jubeljahr. Solche Jubeljahre gelten oft als karnevaleske Akte der Zügellosigkeit – als Rückkehr in einen vermeintlich gutartigen, ursprünglichen Naturzustand. Doch wäre dieser Zustand wirklich so heilsam?

Schulden begründen die Verpflichtungen, die seit Jahrtausenden das Gefüge der Weltwirtschaft zusammenhalten. Forscher – von Archäologen bis zu Historikern – sind sich einig, dass Schulden weit älter sind als Münzen oder Geld. Bereits vor über fünftausend Jahren hielten Tontafeln in Mesopotamien sumerische Schuldverträge in Keilschrift fest, bemessen in Getreide oder Vieh.

Auch in der Entwicklung ethischer Theorien spielte das Konzept der Schuld eine zentrale Rolle. Platons vier Tugenden – Mässigung, Klugheit, Mut und Gerechtigkeit – konnten entweder aus dem Inneren heraus erwachsen oder durch äussere Einflüsse geformt werden. Meist jedoch entstanden sie aus einer Verbindung angeborener Neigungen mit Lehre und Übung und entfalteten sich im Laufe eines Lebens. Mut, später oft als Tugend der Standhaftigkeit beschrieben, bedeutete, Verpflichtungen einzulösen, nicht, ihnen zu entfliehen.

Schulden tragen dazu bei, dass wir uns sozialisieren. Sie gehören zu den Grundpfeilern menschlicher Identität, weil sie anerkennen, dass wir durch unsere vergangenen Handlungen gebunden sind – und uns so über die Zeit hinweg als dieselbe Person begreifen. Auf dieser Grundlage entstehen Versprechen zwischen Menschen: Du weisst, wer ich bin, und kannst dich auf mich verlassen, selbst wenn sich die Umstände ändern. Ohne dieses Vertrauen bliebe nur ein Zustand endlosen Misstrauens.

In den 2010er-Jahren, als Deutschland dafür kritisiert wurde, Griechenland keinen Schuldenerlass zu gewähren, wiesen angloamerikanische Kommentatoren gern darauf hin, dass Deutsch die einzige Sprache sei, in der «debt» und «guilt» dasselbe Wort teilten – Schuld. Dieser Hinweis zeugte jedoch von einer tiefen Unkenntnis sowohl der Sprache als auch der Geschichte. Denn in den romanischen Sprachen zeigt sich dasselbe Phänomen: «debitum» im Lateinischen, «dette» im Französischen, «debito» im Italienischen oder «deuda» im Spanischen – sie alle haben denselben moralischen Ursprung. Das moralische Gewicht, das den Schulden anhaftet, ist tief in der europäischen Sprach- und Ideengeschichte verwurzelt – und in der Ethik selbst.

Schulden können auch zutiefst bedrückend sein. Sie schmieden Ketten der Verpflichtung und führten in vielen vormodernen Gesellschaften zu Leibeigenschaft und Schuldknechtschaft – und damit zur Entmenschlichung. Denn Umstände ändern sich: Unfälle, klimatische oder gesundheitliche Katastrophen können Rückzahlungen unmöglich machen. Je grösser die Volatilität, desto grösser die Unsicherheit und damit die Verwundbarkeit. Wer keine Stabilität erwarten kann, kann weder verleihen noch planen.

Schulden sind der Zement des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Eine einfache Möglichkeit, die doppelte Natur der Schulden zu versöhnen – ihre Fähigkeit, Verantwortung, Zivilität und Ordnung zu fördern, ebenso wie persönliche Not und Unruhe zu erzeugen –, bestand darin, sie auf den Staat zu übertragen. So dachte man bereits in der Antike. Diese Vorstellung wirkt bis heute fort: in der modernen Überzeugung, dass es zu den zentralen Aufgaben von Regierungen gehöre, ein besonders sicheres und stabiles Vermögen zu schaffen.

In den griechischen Stadtstaaten verwahrte die öffentliche Schatzkammer – oft in prächtigen Tempeln gesichert – jene Mittel, die nominell als Darlehen der Bürger galten und in Notzeiten eingesetzt werden konnten, zumeist zinsfrei. Wenn die Bürger dabei Geld verloren, galt dies als Opfer für das Gemeinwohl. Diese Darlehen verkörperten die Idee einer bürgerlichen Gemeinschaft. Die Verbindung von Staatsschuld und Religion zeigte sich auch architektonisch: Der Tempel als Hort des Vermögens wurde Jahrhunderte später, im 18. und frühen 19. Jahrhundert, zum Vorbild für die neoklassizistischen Bankgebäude Europas.

Monarchen und absolute Herrscher versuchten, ähnliche Formen des Kredits zu erschliessen, wobei die Grenze zwischen Kreditaufnahme und Besteuerung oft verschwamm. Die Aussicht auf Rückzahlung war gering, und die Gläubiger lernten bald, ihren Reichtum vor königlichen Agenten, den faktischen Steuereintreibern, zu verbergen. So liehen sich Herrscher gegen Zinsen bei Kaufleuten in anderen Territorien und gerieten häufig teilweise oder vollständig in Zahlungsverzug. Der Wunsch nach verlässlicheren Kreditbedingungen wurde zu einem entscheidenden Motor für die Entstehung politischer Rechenschaft – und letztlich der Demokratie.

Die Gründung der Bank of England im Jahr 1694 bildete das Herzstück der sogenannten «englischen Finanzrevolution». Sie senkte die Kosten der staatlichen Kreditaufnahme drastisch und stärkte damit Englands Fähigkeit, militärische (insbesondere maritime) Infrastruktur und Dienstleistungen zu finanzieren. Die entscheidende Innovation bestand darin, dass die Gläubiger ein Parlament kontrollierten, das über Steuern entschied – und damit ihre eigene Rückzahlung garantieren konnte.

Der erste US-Finanzminister, Alexander Hamilton, liess sich stark vom britischen Vorbild inspirieren und studierte den Fall der Bank of England im Detail. Als er 1790 die Übernahme der Kriegsschulden der einzelnen Bundesstaaten vorschlug, erkannte er im notwendigen Kompromiss – der Vereinigung verschiedener Schuldenlasten – den Grundstein eines neuen Gemeinwesens. Schulden, schrieb er, sollten «der starke Zement unseres Zusammenhalts» sein. Die Faszination für Hamilton ist ungebrochen. Nach dem Ausbruch der Eurozonenschuldenkrise 2010 wurde er zur zentralen Referenzfigur in den Debatten, als die Forderungen nach einer Vergemeinschaftung der Schulden neuen Auftrieb erhielten.

«Die Verbindung von Staatsschuld und Religion zeigte sich auch architektonisch: Der Tempel als Hort des Vermögens wurde zum Vorbild für die neoklassizistischen Bankgebäude Europas.»

Staatsschulden beruhten auf einem dichten Geflecht aus Versprechen und Verpflichtungen. Sie verschafften dem Staat die Mittel, seine zentralen Aufgaben zu erfüllen – Verteidigung, Rechtsprechung und Verwaltung – und schufen zugleich Loyalität bei jenen, die von staatlicher Sicherheit profitierten. Gerade deshalb ist die Entscheidung, «hamiltonisch» zu handeln, so schwierig: Sie kann neue Bindungen schaffen, setzt jedoch ein gemeinsames Grundgefühl voraus. Einst glaubten Menschen, für ihr Vaterland sterben zu müssen – heute wäre kaum jemand bereit, für eine Schuldenvergemeinschaftung das eigene Leben zu riskieren.

Schulden explodieren

Die Coronakrise beschleunigte einen demokratischen Trend, der sich bereits im späten 20. Jahrhundert abgezeichnet hatte: Mehr auszugeben und weniger zu besteuern erwies sich als politisch verführerisch – oder schlicht populistisch. Angesichts sinkender Zinssätze glaubten viele Regierungen, den sprichwörtlichen «Free Lunch» gefunden zu haben. Die Argumente gegen Haushaltsanpassungen, nun unter dem Schlagwort Sparpolitik abgelegt, verloren an Überzeugungskraft. Schulden zu machen schien ein bequemer Weg, politische Erwartungen zu steuern (siehe Grafik).

Das Verhalten moderner Demokratien, die dazu neigen, Finanzinnovationen zu nutzen, um ihre Defizite dauerhaft zu finanzieren, unterscheidet sich deutlich von dem früherer Staaten. Grossbritannien verkörperte einst das klassische Modell: In Friedenszeiten wurden Überschüsse aufgebaut oder Schulden abgetragen, um im Ernstfall eines grossen Krieges handlungsfähig zu bleiben. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch machten zunächst der atomare Frieden des Kalten Krieges und später, nach 1990, die Vorstellung einer dauerhaft stabilen Welt jede Form vorsorglicher Sparsamkeit obsolet. Erst der Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 rief die alten Unsicherheiten von Sicherheit und Konflikt in Erinnerung. Abschreckung hatte sich als unzureichend erwiesen, um eine Welt zu sichern, die frei von Grossmachtkonflikten und der Notwendigkeit massiver Verteidigungsausgaben bleibt.

Eine weitere Entwicklung liess den «Free Lunch» für dauerhaft verschuldete Demokratien noch plausibler erscheinen. Mit der Ausbreitung der Industrialisierung und dem rasanten Aufstieg der Schwellenländer stiegen auch deren Ersparnisse. Diese sogenannte Sparschwemme wurde – insbesondere vom damaligen Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke – als Erklärung für die globalen Ungleichgewichte herangezogen, die es den USA ermöglichten, gleichzeitig Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite zu finanzieren. Doch auch dieser Moment erwies sich als trügerisch. Mit dem demografischen Wandel, am deutlichsten sichtbar in China, begann der Niedergang: Die Gesellschaften alterten, die Ersparnisse schrumpften, ältere Bevölkerungen lösten ihre Reserven auf. Rasch zeigte sich, dass diese Quelle des Überflusses nur vorübergehend war und Kapital künftig umso knapper werden würde, je mehr Menschen von ihren Ersparnissen lebten.

Tatsächlich öffnete sich nur ein kurzes Zeitfenster, entstanden aus dem zufälligen Zusammenspiel hochentwickelter Finanzmärkte, einer internationalen Ordnung, die Frieden garantierte, und einer schnell wachsenden, sparfreudigen Mittelschicht in den Schwellenländern. Dieses Zusammenspiel liess die Industrienationen glauben, sie könnten die steigenden Ansprüche ihrer demokratischen Gesellschaften dauerhaft erfüllen. Die eigentliche Illusion bestand darin zu glauben, dieser Zustand könne von Dauer sein.

Während diese Illusion zerbricht, werden die Rufe nach neuer monetärer Magie lauter – vielleicht in Form von Stablecoins, die zusätzliche Nachfrage schaffen sollen. Die eine Möglichkeit besteht darin, in ständiger Furcht vor einer Inflation zu leben, die zwar den Schuldenwert mindert, zugleich aber die Grundlage jedes Vertrags zerstört. Die andere ist die Hoffnung, jemand anders möge die Schulden übernehmen – eine Erlösung durch einen wohlwollenden Aussenstehenden, eine Magie von aussen.

«Werden die Rufe nach neuer monetärer Magie lauter – vielleicht in Form von Stablecoins, die zusätzliche Nachfrage schaffen sollen.»

Doch all diese Hoffnungen entspringen derselben Versuchung: dem Glauben, man könne Schulden ohne Folgen verschwinden lassen. Am Ende jedoch zerstört die Utopie eines schuldenfreien Auswegs genau jenen Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

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