Die Urschuld des Geldes

Am Anfang der modernen Kreditwirtschaft steht die Schuld des Staates. Kreditwirtschaft ist Schulden-wirtschaft. Und Kreditgeld eine reine Wette auf die Zukunft. Gespräch mit dem Kulturwissenschafter Joseph Vogl über Praktiken, die auch 200 Jahre nach ihrer Erfindung noch skandalös anmuten.

Die Urschuld des Geldes

Herr Vogl, Sie prangern in Ihrem Bestseller «Das Gespenst des Kapitals» das Funktionieren der Finanzmärkte als irrational an. Dabei gehen Sie von einem bemerkenswerten Umstand aus: was auf den Finanzmärkten unter Anwendung moderner ökonomischer Theorien geschieht, ist vom Mainstream dieser Theorien nicht mehr begreifbar. Wie haben die etablierten Ökonomen auf die Avance des Kulturwissenschafters reagiert?

Sie haben so zwiespältig darauf reagiert, wie die Lehrmeinungen der ökonomischen Wissenschaft selbst wenig einheitlich sind. Einerseits hat man an dem Buch wohl eine gewisse Anstrengung im Umgang mit Wirtschaftstheorie respektiert, anderseits schlicht Narrenfreiheit zugebilligt. Und die habe ich ja ganz ausdrücklich beansprucht und mich zunächst darüber gewundert, dass sich Ökonomen nach wie vor darüber wundern, dass sich heftige Finanzkrisen wie die letzte überhaupt ereignen konnten. Diese Verwunderung mancher Ökonomen ist – wie soll ich sagen? – zumindest weltfremd und zeugt von einer eigentümlichen Blindheit. Denn solche Krisen an Finanzmärkten treten seit 1987 erstens regelmässig – 1990, 1994, 1998, 2000 und 2007 – und zweitens global auf.

 

Am Anfang stand also das Staunen. Und was kam dann?

Eine zweite Verwunderung. Es ist nämlich erstaunlich, wie wenig kohärent die Erklärungsmuster für Krisen dieser Art erscheinen. Für die einen ist es eine Anpassungskrise, für die anderen ist es ein Blasenphänomen, das auf irrationalem Herdenverhalten in den Märkten beruht. Wiederum andere sprechen von Gier, andere auch von einem Problem des Staates, der falsche Anreize setzt. Hinzu kommt die Perplexität der involvierten Akteure – symptomatisch ist eine Äusserung des ehemaligen Fed-Vorsitzenden Alan Greenspan, der im Jahre 2008 eingestand, dass seine intellektuelle Weltsicht zusammengebrochen sei. Meine simple Frage war also: Welche Weltsicht, welche Weltauslegung steckt in ökonomischen Theorien? Welche Grundsätze oder Vorannahmen sind darin wirksam? Und was bedeutet es, wenn in sogenannten Crashs die Welt auf dramatische Weise unleserlich, unkenntlich geworden ist? Dabei habe ich mich von verschiedenen Ökonomen inspirieren lassen, zum Beispiel vom Amerikaner Hyman Minsky, einem Schüler Joseph Schumpeters. Dessen These lautet ungefähr, dass gerade die moderne Finanzökonomie Beschreibungen oder Theorien verlangt, die nicht von der inneren Stabilität, sondern von der strukturellen Instabilität der Finanzmärkte ausgehen. Und das bedeutet ganz einfach: Krisen sind nicht das Besondere, die Ausnahme, der «schwarze Schwan». Sie sind vielmehr endogen und gehören als Normalfall zum Funktionieren der Finanzmärkte.

 

Die Urszene des modernen Finanzkapitalismus datieren Sie auf den 26. Februar 1797. Damals wurde die Bank von England durch das britische Parlament von der Pflicht befreit, Banknoten in Münzgeld einzuwechseln. Damit war das Geld nicht mehr gedeckt. Es wurde ein System begründet, das ohne reale Referenz auskommt.

Es ging mir dabei um die Rolle des öffentlichen Kredits. Die Kreditwirtschaft über Wechselbriefe, Schuldverschreibungen, Depositen etc. reicht natürlich viel weiter zurück – ohne sie wäre der seit dem Spätmittelalter entstehende Handelskapitalismus nicht möglich gewesen. Was mich am Jahr 1797 besonders interessiert, ist das zeitliche Zusammentreffen zweier Ereignisse. Einerseits hob das englische Parlament die Einlösungspflicht der Bank von England für Papiergeld auf, um so billig zu Geld zu kommen und den Staatshaushalt zu sanieren. Anderseits wurde im Februar 1797 in Frankreich das Projekt der sogenannten «Assignaten» für gescheitert erklärt, das ist jenes Revolutionsgeld, das unter anderem durch den konfiszierten Landbesitz der Kirchen gedeckt war. Im selben Jahr, in dem die Insolvenz des französischen Staats das Ende für das Assignatenprojekt bedeutete, erwies sich die Zahlungsunfähigkeit Englands als Voraussetzung eines erfolgreichen Banknotensystems. Es treten nun erstmals Theorien auf, die nicht nur einzelne kaufmännische Akte der Kreditvergabe, sondern die Ökonomie selbst als Kreditwirtschaft beschreiben. Die umlaufende Schuld wird so zur Grundlage für elementare Austauschprozesse. Das System funktioniert nicht über Zahlungen – also Leistungen und Gegenleistungen –, sondern primär über Zahlungsversprechen. Oder wie Schumpeter es formulierte: man begann…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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