Die unmögliche Zeugenaussage

«Nach Auschwitz schreiben». Dass dies un-möglich ist und dennoch gelingen kann, fasziniert den Autor des folgenden Beitrags an den Lebenserinnerungen Ruth Klügers.
Mit «weiter leben. Eine Jugend» vermag
Ruth Klüger die Shoa zu bezeugen und über sie zu berichten, obwohl eigentlich nur ein Unbeteiligter zu berichten vermag, und nur ein Opfer, ein Toter also, im letzten authentisch Zeugnis ablegen kann.

Ruth Klüger wurde 1931 in Wien in einer jüdischen Familie geboren. Als Kleinkind erlebte sie die Ausstossung aus der Gesellschaft. So etwa erkannte sie vage, dass jede neue, minuziöse Anordnung – wie die, dass sie in der Stadtbahn nicht sitzen durfte – den Tod vorbereitete. Der erste Satz ihres Buchs «weiter leben. Eine Jugend» (1992) lautet: «Der Tod, nicht Sex war das Geheimnis, worüber die Erwachsenen tuschelten, wovon man gern mehr gehört hätte.» 1942 wurde Ruth Klüger mit ihrer Mutter deportiert. Zunächst lebte sie in Theresienstadt. (Wer gelesen hat, wie sie ihre Zeit an diesem zehn- oder zwanzigmal überfüllten Ort verbracht hat, stets umgeben von Hunger, Krankheit und Tod, wird nie mehr sagen können, dass Theresienstadt «erträglicher» war als die anderen Lager, obwohl diese Behauptung richtig ist – allerdings nur im Sinne des unausgesprochenen Satzes, dass die Juden dort nicht vergast, massakriert oder zur Zwangsarbeit gezwungen worden sind.) Nach etwas mehr als anderthalb Jahren deportierte man sie, ebenso wie die meisten anderen aus Theresienstadt, nach Birkenau. Der poetische Ortsname bezeichnet das Lager Auschwitz III, wo man diejenigen versammelte, die zum schnellen Tod bestimmt waren. Es folgte eine glücklich ausfallende «Selektion», die sich den rettenden Worten aus dem Mund einer Deportierten-Angestellten verdankte: «Die hat Muskeln in den Beinen, die kann arbeiten». Das Mädchen wurde in ein Nebenlager weiterverschoben, wo sie Zwangsarbeit leisten musste oder besser: durfte (sie unterstreicht, dass es in den Frauenlagern, unter Frauen-Wächterinnen, spürbar weniger grausam zuging). Als die Welt in Auflösung war, gelang ihr und ihrer Mutter, mit der sie immer zusammengeblieben war, und einer quasi adoptierten Schwester die Flucht aus dem Lager, die alle drei nach einigen abenteuerlichen Episoden überlebten. Zu ihrem Halbbruder und ihrem Vater hatte sie bereits 1939 jeden Kontakt verloren und die beiden dann nie wieder gefunden. 1948 wanderte Ruth Klüger nach Amerika aus, wo sie nach einigen Anfangsschwierigkeiten studierte und später Professorin für Germanistik an den Universitäten von Irvine und Princeton wurde. Sie publizierte unter anderem über die jüdischen Figuren bei Lessing und Thomas Mann, schrieb feministisch ausgerichtete Aufsätze, als dies noch eine Ausnahme war, und war eine Weile Redaktorin einer bedeutenden germanistischen Zeitschrift in den Vereinigten Staaten.

Über ihr eigenes Leben schrieb Ruth Klüger lange Zeit nicht. Das änderte sich, als sie am 4. November 1988 einen Unfall erlitt, dessen Folgen sie beinahe erlag. Sie war zu jener Zeit im Rahmen eines amerikanisch-deutschen Austauschprogramms für einige Monate in Göttingen. Als sie auf dem Weg ins Theater war, wurde sie von einem Radfahrer mit ungebremster Geschwindigkeit angefahren. Die beinahe Sechzigjährige überlebte mit Schädelbruch, Gehirnblutung, Lähmung und inneren Brüchen und erholte sich erst wieder nach Monaten. Ein Arzt bemerkte, «er hätte nie jemand gesehen, der sich so ans Leben geklammert hätte». Auf diese Weise bestätigte sich einer der Leitsätze ihres Schicksals: Im Lager überlebten nur die, die sich aussergewöhnlich stark ans Leben klammerten und aussergewöhnliches Glück hatten.

Ruth Klüger begann einen Bericht über ihr Leben zu schreiben, weil sie, wie sie sagt, «auf den Kopf gefallen war». In «weiter leben. Eine Jugend» erzählt sie, wie die Verfolgung zu der unabänderlichen Grunderfahrung ihres Schicksals wurde. Die Frau, die diesen Text schreibt, will weder gefällig noch gar bestechend sein – sie ist authentisch und unterhintergehbar. Gegen die Worte der Beruhigung und der Versöhnung führt sie die Worte von Elektra, Hofmannsthals besessener Heldin an: «Ich bin kein Vieh, ich kann nicht vergessen». Als ein schöngeistiger Doktorand in Göttingen darüber staunt, mit welchem Hass ein Überlebender über die Araber spricht, erwidert sie, dass «Auschwitz keine Lehranstalt für irgend etwas und schon gar nicht für Humanität und Toleranz» gewesen sei; und sie kann selbst…

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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