Die Universität als Wohlfühlanstalt

Die Offenheit für ungewöhnliche Gedanken droht verloren zu gehen.

 

In letzter Zeit ist an amerikanischen Universitäten – darunter gerade auch an Spitzenhochschulen wie Harvard oder Berkeley – eine bedrohliche Entwicklung zu beobachten. Lehrende und Forschende werden zu einer ganz bestimmten Konformität gezwungen. Die Studierenden sollen vor unorthodoxen und als missliebig angesehenen Gedanken geschützt werden. In diesem Zusammenhang hört man oft die Begriffe «safe spaces» und «micro-aggression».

Der Konformitätsdruck äussert sich in dreierlei Weise: Erstens muss die Sprache gender- und rassengerecht sein; darüber hinaus muss den Vorstellungen vieler anderer Identitäten entsprochen werden; zweitens ist entscheidend, wer etwas sagt, d.h. Geschlecht, Herkunft, Religion und Nationalität der oder des Sprechenden oder Schreibenden sind wichtig; drittens sind inhaltlich unorthodoxe und ungewöhnliche Gedanken zu vermeiden, weil diese das Publikum schädigen könnten.

Diese Welle ist bereits nach Europa übergeschwappt. So wurden und werden die Vorlesungen des Ökonomieprofessors Bernd Lucke an der Universität Hamburg verunmöglicht, weil er die AfD mitgründete. Das wäre schon bedenklich genug – geradezu grotesk wird es aber, wenn man sich vor Augen führt, dass Lucke die AfD wegen ihres Rechtsdralls längst verlassen hat. Sogar eine Kritik an der EU wird zuweilen bereits als «faschistisch» deklariert.

Anzeichen sind leider auch in der Schweiz festzustellen. So durften der amerikanische General Petraeus nicht an der ETH Zürich und der liberale Denker und ehemalige Tessiner Regierungsrat Tettamanti nicht an der Universität Basel vortragen.

Diese Situation tritt den Grundsatz einer freien, offenen Gesellschaft, in der unterschiedliche Ansichten diskutiert werden sollen, mit Füssen. Argumente müssen zählen; Denkverbote haben keinen Platz! Der besonders an führenden amerikanischen Universitäten herrschende Dogmatismus bietet uns Europäern allerdings auch eine grosse Chance: Wenn wir weiterhin für ungewöhnliche Gedanken offen sind, werden wir an Bedeutung gewinnen und die Zukunft stärker mitgestalten können. Unser Motto sollte mit Einstein lauten: «Wenn eine Idee nicht zuerst absurd erscheint, taugt sie nichts.»

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»