Die unbequeme Wahrheit über Dating in Zürich
Zürich ist voller attraktiver, intelligenter Singles. Das Problem: Sie begegnen sich selten, sprechen noch seltener miteinander und wundern sich dann, warum sich nichts ergibt. Die Lösung ist denkbar einfach.
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Das Problem des Datingmarkts ist simpel: Es gibt einen chronischen Mangel an Liquidität. Der Begriff stammt aus der Finanzwelt und beschreibt, wie leicht Austauschprozesse zustande kommen können. Auf das Dating übertragen: Wie oft begegnen sich Menschen in ihrem Alltag, die möglicherweise später einmal Ja zueinander sagen?
Mir fällt immer wieder auf, wie selten die Menschen hier tatsächlich miteinander sprechen. Um die Grössenordnung einzuordnen: Rund 46 Prozent der Schweizer Bevölkerung gelten statistisch als Single. Die Menschen scheinen entweder niemanden zu suchen, oder sie finden sich schlicht nicht, und wenn doch, bleiben sie oft nicht beisammen, aber das ist eine andere Geschichte.
Schweizer Sozialprotektionismus
Dabei ist die Lösung verblüffend einfach: Mit fremden Menschen sprechen! Dennoch tun es in der Zwinglistadt nur wenige. Klar, es fällt nicht allen gleich leicht, mit einer unbekannten Person ein Gespräch zu beginnen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass eine offensive Kommunikationsstrategie nicht nur auf dem Datingmarkt, sondern generell im Leben Erfolg verspricht. Ein schlichtes «Hey, ich finde dich attraktiv» kann eine erstaunliche Wirkung haben. Es ist ein bisschen wie fit zu werden in einer Welt, in der kaum jemand trainiert. Die Vorstellung, jemanden anzusprechen, sei übergriffig oder unangebracht, ist häufig ein Narrativ jener, die es selbst nie versuchen.
«Ein schlichtes «Hey, ich finde dich attraktiv» kann eine erstaunliche Wirkung haben. Es ist ein bisschen wie fit zu werden in einer Welt, in der kaum jemand trainiert»
Das Leben in Zürich ist effizient, aber sozial verschlossen. Es gibt wenige zufällige Begegnungen und wenig Raum für glückliche Zufälle. Viele Menschen bleiben ihr ganzes Leben im trauten Kreis ihrer Schulfreunde. Hermetisch geschlossene Freundeskreise sind im Kern eine Form des sozialen Schweizer Protektionismus: Die weniger Begehrten bleiben bequem im Schutz attraktiverer Personen, und der gesamte Markt wird dadurch schmerzhaft ineffizient.
Mit der Zeit wurde mir klar: Das Problem in Zürich ist nicht mangelndes Interesse, sondern dass kaum etwas begonnen wird. Die Stadt ist nicht grundsätzlich verschlossen. Die meisten Menschen treffen schlicht nie jemanden, der den Mut hat, den ersten Schritt zu machen.
Sei eines würdigen Partners würdig
Vergiss nicht: Du bist die Hälfte jedes Dates, auf das du gehst. Dein Leben zu justieren ist keine Option, sondern entscheidend. Charlie Munger, langjähriger Geschäftspartner von Warren Buffett und legendärer Investor, brachte es auf den Punkt: «Um einen würdigen Partner zu finden, sei eines würdigen Partners würdig.» Also bilde dich weiter, halte dich fit und baue dir eine eigene Karriere auf.
Der sexuelle Markt ist brutal und wird es immer bleiben. Du hast zwei Möglichkeiten: Dein Spiel zu verbessern, dein Leben so gut wie möglich zu ordnen und bessere Menschen zu daten. Oder dich über die Grausamkeit der Welt zu beklagen und dich mit schlechteren Optionen zufriedenzugeben. Die Wahl liegt bei dir.
Das schmale Selektionsband in der Mitte
Sobald man versteht, dass Menschen dazu neigen, andere mit einem ähnlichen Gesamtmass an Begehrlichkeit zu daten, zeigt sich ein interessantes Muster. Es scheint einen Zielkonflikt zwischen begehrten Eigenschaften zu geben, zum Beispiel zwischen Attraktivität und Intelligenz. Die attraktiven Menschen, die man datet, wirken weniger intelligent, die intelligenten weniger attraktiv. Doch diese Wahrnehmung ist, so glaube ich, nicht real. Sie entsteht aus der Perspektive innerhalb des Marktes. Wir alle daten innerhalb unserer eigenen Reichweite. Menschen, die uns in einem Merkmal leicht überlegen sind, gleichen das häufig durch ein anderes aus, und umgekehrt.
Stellt man sich einen groben Partnerwert als Durchschnitt aus Intelligenz und Attraktivität vor, wird die Illusion deutlich. Es ist nicht so, dass es keine Menschen gäbe, die zugleich klug und attraktiv sind. Diese Menschen haben nur meist bessere Optionen als du. Weil die Begehrtesten bessere Optionen haben, lehnen sie dich tendenziell ab. Und weil du bessere Optionen hast als jene unterhalb deiner Attraktivität, lehnst du diese tendenziell ab. Was übrig bleibt, ist eine sehr schmale Gruppe in der Mitte.
«Es ist nicht so, dass es keine Menschen gäbe, die zugleich klug und attraktiv sind. Diese Menschen haben nur meist bessere Optionen als du. »
Dieses enge Selektionsband erzeugt die Illusion einer negativen Korrelation zwischen begehrten Eigenschaften, über die weitgehend Einigkeit besteht. Wenn diese Selbstsortierung nach Begehrlichkeit ausbleibt, reagieren wir mit dem beliebten Satz: «Sie oder er könnte so viel Besseres haben.»
Statistisch lässt sich dieses Phänomen als einfache Variante des Berkson-Effekts beschreiben: Wenn beide Seiten einander herausfiltern, wird die eigene Dating-Stichprobe zu den Extremen hin verzerrt, selbst wenn die Gesamtbevölkerung gleichmässig verteilt ist.

Dating zeigt dir, welche Menschen dir aktuell realistisch offenstehen und was du verbessern müsstest, um jene zu daten, mit denen du gerne zusammenwärst. Das ist kein Urteil darüber, was Menschen wertschätzen sollten. Es ist eine Beobachtung dessen, was sie tatsächlich tun.
Deine Chancen steigen sofort, wenn du schlicht mit den Menschen sprichst, die dich interessieren. An dir zu arbeiten hilft ebenfalls. Tu beides. Sei ehrlich, entspannt und freundlich. Geh an Veranstaltungen, nimm an Aktivitäten teil, die dir wirklich Freude bereiten, und begib dich an Orte, an denen sich Gleichgesinnte ganz natürlich treffen. Kümmere dich um deinen Körper: Trainiere, iss gut, schlafe ausreichend. Kümmere dich auch um deinen Geist, lies gute Bücher.
Zürich ist voller wunderbarer Menschen, die still darauf warten, dass jemand den ersten Schritt macht. In einem illiquiden Markt kann ein aufrichtiges «Hey, ich finde dich attraktiv» das Leben zweier Personen nachhaltig verändern.