Die Umkreisungen des Ich
Bild: Atlantis, 2022.

Die Umkreisungen des Ich

Fritz Meyer: Ich unter anderem.

 

Je enger unser Lebensraum wird, desto weiter dehnen sich die Gedanken aus, hin zu den Träumen oder in die Sphäre der Erinnerungen. Diese Erfahrung macht auch der Protagonist in Fritz Meyers erstmals im Jahr 1957 ­publiziertem und nun neu aufgelegtem Roman «Ich unter anderem». Während ein Skiunfall den Protagonisten mehrere Monate ans Bett fesselt, ziehen Bruchstücke seines ­Lebens vor seinem inneren Auge vorüber: Kindheitstage, die Lehre und schliesslich seine innige Liebe zu Katharina, die – wie soll es im Dasein eines unverbesserlichen Melancholikers auch sein – letztlich zerbrechen wird.

Gewahr werden wir eines Ich, dessen philosophische ­Reflexionen über die eigene Existenz durchaus an René ­Descartes’ Meditationen über die Gewissheit des Daseins ­anknüpfen. Während Meyers Hauptfigur in der Horizontalen liegt, befindet er sich «in der Mitte von allem […]; der Blick ist nach oben gerichtet […] ins Offene, dem man allein noch gegenüber ist; auf der anderen Seite, spürt man, geht es ebenso weit ins Offene, der Erde, der Unterwelt». Zwischen den Abgründen tiefsten Welt- und Liebesschmerzes und den fernen Göttern pendelnd, bringt das Ich seine Hospitalzeit zu, um kurz darauf ans Meer zu fahren. Dass der Autor dabei viele Fragen über Leben, Liebe und Abschied offenlässt, ­gehört zum Konzept des Romans, der sich mit seinen zahlreichen Anspielungen – mitunter auf Ariadnes Faden und Ikarus’ scheiternden Befreiungsflug – vor allem als Labyrinth der Seele versteht. Der Erzähler erkennt, dass ein Subjekt sich nie nur aus sich heraus konstituiert, sondern stets mit allem «in Verbindung steht», was es umgibt und beschäftigt.

Man muss die Chance zur bewussten Wahrnehmung ergreifen, darin besteht das «Glück: So nennen wir es, wenn wir fühlen, dass Möglichkeit und Wirklichkeit, Stern und Stunde ineinanderfallen.» Solcherlei wundervolle Sätze zeigen die Virtuosität des Buches auf; derweil fällt die Qualität des Textes insgesamt durchwachsen aus. Lange Schachtelsätze und schon so manche bereits in den 1950er-Jahren ­antiquierte Formulierung tragen mithin zu einer in Teilen zähen Lektüre bei. Sich auf «Ich unter anderem» wirklich einzulassen, bedeutet somit auch: Nachsicht zu üben.

«Eine inspirierende und
hochkarätige Lektüre
mit viel Tiefgang.»
Olivier Kessler, Direktor des Liberalen Instituts,
über den «Schweizer Monat»