Die Tyrannei der Empörten

Die übertriebene Sensibilität gegenüber Karikaturen untergräbt die freie Gesellschaft.

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«Das aktuelle Meinungsklima ist nicht förderlich für die Meinungsfreiheit», stellte der weltberühmte Karikaturist Patrick Chappatte nach einer weiteren Kontroverse über eine Illustration fest. Die Redaktion der Tageszeitung «Le Monde» unterstützte ihren Karikaturisten nach einem «Shitstorm» in den sozialen Netzwerken nicht, stattdessen entschuldigte sie sich, was den Rücktritt des Karikaturisten provozierte. 2019 hatte die «New York Times» nach einer Polemik beschlossen, jede Zusammenarbeit mit Karikaturisten einzustellen.

Die Pressekarikatur steckt in der Krise. Nach dem Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» 2015 haben Karikaturen weiterhin mit Gegenwind zu kämpfen. Heute ist die Opposition nicht mehr auf religiös-fundamentalistische Menschen beschränkt, sondern vereint die Verfechter einer neuen Identitätspolitik im Dienst von Minderheiten. Sie empören sich und fassen eine Zeichnung als persönlichen Angriff und als Gefahr für ihre soziale Gruppe auf. Sie sind auf sozialen Netzwerken aktiv, die diesen obskurantistischen Reaktionen übermässig viel Raum geben.

Die Empörungs- und Entschuldigungskultur hat sich in jüngerer Zeit im französischsprachigen Raum stark verbreitet. Die Situation ist beunruhigend. Jede Gesellschaft, die an Freiheit glaubt, muss zugeben, dass diese einen Preis hat, nämlich die Gefahr, durch die Meinung anderer verletzt zu werden. Indem sie die Grundlagen der freien Gesellschaft vernichten wollen, geben die Minderheitenvertreter zu, dass sie wenig Rücksicht auf die Meinung der anderen nehmen.

Der «Nebelspalter», der jüngst von Markus Somm neu lanciert worden ist, hat daran erinnert, dass die allgemeine Sensibilität, die sich lieber empört als reflektiert, auch in der Deutschschweiz verbreitet ist. Eine Karikatur, die von der ehemaligen Leitung der Zeitschrift veröffentlicht wurde, wurde wegen angeblichem Rassismus angeprangert, obwohl der Autor sich über … Rassisten lustig machen wollte! Die Geschichte zeigt die Komplexität von Karikaturen und die Interpretationen, die diese zulassen. Mehr als andere Inhalte fordern Karikaturen den kritischen Verstand der Leser. Das Verschwinden dieser Kunstform wäre eine kollektive Niederlage für unsere Gesellschaften, die den Bürger als urteilsfähiges Wesen sehen.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»