Die Trauer der Hände

Ein Mann sitzt in der Hocke und hält das Haupt des Toten. Die eine Hand umfasst Kiefer und Hals, die andere Stirn und Schläfe. Es ist, als wollte er den Kopf festhalten, ihn beschützen, ein letztes Mal umfassen. Das Gedächtnis der Hände ist stärker als die Erinnerung des Auges. Die Finger begreifen, was sie betasten: die Haut, […]

Ein Mann sitzt in der Hocke und hält das Haupt des Toten. Die eine Hand umfasst Kiefer und Hals, die andere Stirn und Schläfe. Es ist, als wollte er den Kopf festhalten, ihn beschützen, ein letztes Mal umfassen. Das Gedächtnis der Hände ist stärker als die Erinnerung des Auges. Die Finger begreifen, was sie betasten: die Haut, die Bartstoppeln, die Härte der Knochen. Ein letztes Mal berührt er das Gesicht. Vielleicht ist es sein Sohn oder Enkel. Er konnte ihn rasch erkennen. Denn die Körper wiesen keine entstellenden Verletzungen auf. Nun ist er allein unter den zahllosen Toten. Alle sind sie in weisse Tücher gehüllt, bereit zur Bestattung. Nur Zehen und Gesichter sind noch zu sehen. Es ist wie in jedem Krieg. Die Zeitfolge der Generationen kehrt sich um. Die Alten überleben die Jungen.

Das Photo ist ein stilles Dokument. Leise weinend wahrt der Mann die Fassung, er zetert nicht, ruft nicht nach Rache, fleht nicht um Hilfe. Ganz wendet er sich dem Toten zu. Es ist ein intimer Abschied, fern aller Zuschauer. Den Photographen scheint er gar nicht zu bemerken. Dass Fremde die Szene betrachten, nimmt ihm nichts von seiner Würde. Auch die Ehre der Toten wird nicht angetastet, wenn sie im Bild festgehalten werden. Toten­bilder zeigen, was mit den Menschen geschieht, was ihnen angetan wird, was nach dem Leben der Fall ist.

Viele Photos und Filme zirkulierten nach dem Giftgasangriff auf einige Vororte von Damaskus, Aufnahmen von Opfern, aufgereiht in langen Reihen, sterbende und erstickte Kinder, zappelnde Glieder, gelbfahle Gesichter mit Speichel vor dem Mund. Die Empörung war prompt und ungewohnt lautstark. Der syrische Bürgerkrieg hatte bereits über 110 000 registrierte Tote gekostet, Millionen waren vertrieben oder auf der Flucht, Gasattacken hatten schon mehrfach stattgefunden, doch erst die Aufnahmen aus Ghuta verstörten die Weltöffentlichkeit.

Die postheroischen Gesellschaften des Westens indes stürzten die Bilder in Verlegenheit. So weltabgewandt die Geste der Trauer, der Appell der Bilder war unübersehbar. Einige reagierten auf das Massaker mit vermeintlich realpolitischem Kalkül: Solange eigene Interessen nicht unmittelbar berührt seien, habe man die Tatsachen hinzunehmen, auch wenn Untätigkeit die Despotie stützt, das Verbrechen straflos lässt und die Region weiter ausblutet. Empfindsamere Gemüter stahlen sich aus der Verantwortung, indem sie zuerst die Tatsachen in Zweifel zogen. Trotz eindeutiger Dokumente war tagelang von «mutmasslichen» Giftangriffen die Rede, von «gegenseitigen Beschuldigungen», als sei der Bürgerkrieg ein ziviler Kriminalfall, der nach dem Befund der Gerichtsmedizin amtlich einer «politischen Lösung zuzuführen» sei.

Experten und Kommentatoren ergingen sich in skeptischen Ferndiagnosen; einige erwogen, die Bilder könnten alle gefälscht, der Tod könne simuliert, das Grauen nur ein Propagandacoup sein. Manche wollten lieber den Verlautbarungen der Diktatur glauben als den Berichten der lokalen Rebellenverwaltung. Was immer die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen schien, wurde aufgeboten: die unübersichtliche Kriegslage, die fehlenden Laborbeweise, der internationale Dissens. Einmal mehr versteckte man sich hinter der machtlosen UNO und beschwor Folgen einer Intervention, die längst Realität waren. Insbesondere in Deutschland, wo man mit dem Einsatz von Giftgas die längste Erfahrung hat, erging man sich in wortreicher Indolenz.

Im Krieg entscheidet nicht das Recht, sondern die Macht, nicht das Wort, sondern die Gewalt. Auch Bildnisse entscheiden – entgegen einer landläufigen Meinung – keine Kriege, sie zeigen nur den Fortschritt der Barbarei. Nichtstun und Gleichgültigkeit gehören zu den wirksamsten Triebkräften der Grausamkeit. Sie lassen den Tätern freie Hand. Auch Unterlassung ist eine Entscheidung, für deren Folgen man die Verantwortung trägt. Der alte Mann fordert keine Hilfe, er bittet nicht einmal darum. Das Bild zeigt eine der ältesten Gesten des Menschen­geschlechts, die Trauer der Hände um den Verlust eines Angehörigen. Wie erbärmlich wirkte dagegen das Gerede vor den Mikrophonen und an den Stammtischen.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»