Die Transformation der Intimität

Was bedeutet es, in der vernetzten Welt von heute Mensch zu sein?

Die Transformation der Intimität
Illustration von Daniel Garcia.

«Mit ‹Verbindung› kann vieles gemeint sein: ein physischer oder logischer Pfad zwischen zwei Dingen, das Einrichten eines solchen Pfades, der Verkehr entlang eines Pfades sowie pfadlose Beziehungen zwischen zwei oder mehr Entitäten. Mit Blick auf seine Popularität und die durch ihn ausgedrückte bedeutungsvolle Beziehung weisen wir den Begriff der Verbindung nicht ausdrücklich zurück, fassen ihn in diesem Aufsatz aber ausschliesslich als pfadlose Beziehung zwischen zwei oder mehr Entitäten.»
Vint Cerf and Bob Kahn, A Protocol for Packet Network Intercommunication, 1974

Vor kurzem besuchte mein Sohn ein Holocaust-Museum, wo im Rahmen der interaktiven Plattform «New Dimension of Testimony» das Hologramm eines Auschwitz-Überlebenden zu sehen war. Der unwirkliche Mann beantwortete Fragen der Kinder zu den historischen Greueln. Die Kinder waren begeistert, da sie ihn alles Mögliche fragen konnten: «Hassen Sie die Deutschen?», «Glauben Sie noch an Gott?», «Was war das Schlimmste, was passiert ist?». Mein Sohn erklärte mir, dass sie nie gewagt hätten, einer wirklichen Person solche Fragen zu stellen. Das ist der Engel der Zukunft. Er ist nicht aus Fleisch, man kann ihm also alles anvertrauen.

Mit der Konnektivität die Krise

Ich bin ein Hybrid, gehöre einer Zwischengeneration an: weder Digital Native noch analoges Fossil. Mein Intimleben erspross fast zeitgleich mit dem Aufkommen digitaler Konnektivität. Meine Frau wurde im selben Monat geboren, in dem Bob Kahn und Vint Cerf in ihrem «Protocol for Packet Network Intercommunication» jene Verbindungen beschrieben, die das Internet möglich machten. Ich erinnere mich noch, wie bei uns zu Hause der erste PC ausgepackt wurde – das spukhafte Echsenaugengrün des primitiven Bildschirms. Auch an meine erste E-Mail erinnere ich mich, an mein erstes Online-Formular. Fast alle Erinnerungen, die ich mit meinen Zeitgenossen teile, haben Technik zum Gegenstand: Wo warst du, als du dein erstes Smartphone bekamst? Was war dein erster Einkauf auf Amazon? Weisst du noch MySpace?

Seit meiner Kindheit hat die Zunahme digitaler Konnektivität alle menschlichen Interaktionen verändert, sei es den Kauf eines Sandwiches oder Analsex. In derselben Zeitspanne geriet die menschliche Intimität in die Krise. In einer aktuellen Studie gaben fast die Hälfte der 20 000 befragten Amerikaner an, einsam zu sein. Einsamkeit wird inzwischen als chronisches volksgesundheitliches Problem eingestuft. Auch Narzissmus, eine verwandte Störung, nimmt laut klinischen Studien seit 30 Jahren zu. Heute ist Narzissmus so weit verbreitet und so allgegenwärtig als Grundierung unserer Kultur in all ihren Aspekten, dass man sich fragen muss, ob er überhaupt noch als Krankheit betrachtet werden kann. Sozialkapital in jeglicher Form schwindet rasant. Politische Solidarität ist auf dem Rückzug, Aufsplitterungen aller Art hingegen sind auf dem Vormarsch. Wir lassen unsere Schranken herab. Unsere Länder lassen ihre Schranken herab.

Von intimen Offenbarungen überwältigt

Jeder weiss, dass die Technik uns verändert hat, selbst auf der intimsten Ebene – wie genau, möchte niemand wirklich wissen. Die Schöpfer der Technik sind blind für die Wirkung ihrer Produkte auf menschliche Intimität. Da sie sich ohnehin nicht quantifizieren lässt, ist es doch einerlei. Die grossen Erforscher menschlicher Intimität sind gleichermassen blind für den unterschwelligen Einfluss der Maschinen. Die Kurzgeschichten von Alice Munro – für viele die intimsten Porträts häuslichen Lebens zwischen 1970 und heute, der Zeit der grossen technologischen Disruption – erwähnen nirgends Computer. Sie scheinen zu albern, zu nebensächlich, blosse Ablenkung vom eigentlichen Geschäft der Zwischenmenschlichkeit: Familie und Sex. Ein anderes Problem kommt hinzu: Allein die Erwähnung eines Smart­phones in einer Kurzgeschichte über menschliche Intimität würde das Gerät zum eigentlichen Gegenstand der Geschichte machen. Die Technik würde alle anderen Bedeutungen verschlucken – so wie sie es im wahren Leben tut.

Wir werden der Auswirkungen der digitalen Konnektivität auf unsere intimen Beziehungen nicht mehr Herr. Die Folge sind grassierende Missverständnisse. Nicht nur ältere…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»