Die tapfere Schneiderin

Jeder findet irgendwann seine eigene Strategie, mit den grossen Ungerechtigkeiten des Lebens und den kleinen Banalitäten und Grausamkeiten des Alltags zurechtzukommen. Die Schneiderin Jolie zum Beispiel, nur auf den ersten Blick «adrett und einigermassen langweilig», baut im geheimen kuriose Luftschlösser. Tagtäglich über Hosensäume und Kostümjacken gebeugt, macht sie sich voller Lust die bösesten Gedanken: über den Baufachexperten Fischbacher mit den weinroten Unterhosen, der mit Schüttelbrot um sie wirbt, über den «ringkampfmässigen Rücken von Frau Kuster» und die hässlichen Müller-Zwillinge in ihren lilafarbenen Hängerchen. Erbarmungslos lässt Jolie ihre Gedanken nicht nur um die rücksichtslose Anatomie ihrer Kundschaft kreisen; auch ihre eigene Familie, die demente Mutter, der versteinerte Vater und die verschrobenen Geschwister, umspannt sie mit grotesken Phantasiespielen. Dabei ist es ein heikler Balanceakt nahe am Abgrund, den die Schneiderin hier aufführt. Denn ihre kindliche Lust an Träumereien, an Tarnung und Verstellung hat sie im Laufe der Zeit in ein dichtes Netz aus nur scheinbar harmlosen Lügengeschichten verstrickt.

Eines Tages dann droht die Traumblase zu zerplatzen. Die Realität schleicht sich durch ein mysteriöses, im elterlichen Schrank verstecktes Paket in Jolies Leben zurück. Drohend taucht aus dem Dunklen eine Frage auf, die das Rattern der Nadel aus dem gewohnten Gleichtakt bringt: Und wenn Franz gar nicht ertrunken wäre? Gleichermassen fasziniert wie verschreckt von der Vorstellung, der totgeglaubte Bruder könnte noch am Leben sein, macht sich Jolie auf eine abstruse Reise, nach Ecuador, in die Weiten des Internet und schliesslich in die eigene Vergangenheit. Die staubbedeckten Familiengeheimnisse, die sie dabei zutage fördert, helfen ihr nicht gerade dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren. Dabei ist Jolie eigentlich völlig mit den aufwendigen Vorbereitungen für die grosse Feier beschäftigt, die sie anlässlich des 80. Geburtstags ihrer Eltern plant.

Wunderbar lakonisch geht es in Angelika Waldis’ Romandebüt «Die geheimen Leben der Schneiderin» zu; ihrer erfrischend eigenwilligen Protagonistin legt sie die schönsten Sätze in den Mund wie «Beim Aufstehen fällt Gewicht vom Hintern» oder «Mann und Frau sind wie Knopf und Knopfloch. Der Knopf reisst meistens früher». Gleichzeitig beweist die Autorin einen ausgeprägten Sinn für den Ernst und die Tragik des Lebens. Ihre Geschichte einer Familie, deren Grundfesten durch das dramatische Verschwinden des ältesten Sohnes zutiefst erschüttert werden, ist kunstfertig und klischeefrei auf 160 Seiten erzählt. Dass am Ende dann doch noch das allgemeine Gelächter über diese menschliche Tragödie, das Schweigen und die emotionale Erstarrtheit triumphiert, ist kein leichtfertiges Happyend, aber ein schönes Zeichen dafür, wie köstlich absurd das Leben sein kann.

vorgestellt von Alice Werner, Zürich

Angelika Waldis: «Die geheimen Leben der Schneiderin». Zürich: Kein & Aber, 2008.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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